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Aus tiefster Seele

Schreien, stampfen, ausrufen, weinen. Loslassen, rauslassen, zulassen, sich dabei Zeit lassen. Wann hast du das letzte Mal so richtig innig und aus tiefster Seele gebetet?

Ich will es im Griff haben, mein Leben. Ich will drüberstehen können und selbständig meinen Weg gehen. Ich will die Kontrolle nicht verlieren. Ist ja auch meine Verantwortung. Also gehe ich's an, gehe mutig voran. Ich nehm's in Angriff, das Leben mit all seinen Tücken. Ich schaue nach vorn und nicht ständig zurück. Ich richte meinen Blick auf das, was mir wichtig ist. Ich nehme diese Aufgabe ernst und sorge dafür, dass etwas Anständiges dabei rauskommt. Ich mach' es sorgfältig.

"Hebsch dr sorg, gell..." Wenn jeder für sich selbst sorgt, ist für alle gesorgt. Oder etwa nicht? Wieviel ist denn genug? Genug gesorgt? Was, wenn vor lauter Sorgen die Sorgen das Sagen bekommen? Und wieviel soll ich mich um andere sorgen? Und wer sorgt sich um mich, wenn ich vor lauter Sorgen die Sonne mal nicht mehr seh?

Ich lebe in einem reichen Land. Nicht nur reich an Geld, schöner Natur und Kultur. Auch reich an karitativen Institutionen und Stiftungen. Reich an Vereinen zum Wohl der Gesellschaft. Immer noch reich an einem Gedankengut, das der Gesinnung meines barmherzigen Heilands entsprang und immer noch entspringt. "Im Namen Gottes des Allmächtigen" lauten die ersten Worte unserer Verfassung. Und "Betet, freie Schweizer, betet" heisst es in der Nationalhymne. Auch wenn Kirche, Bibel und Christentum von vielen als veraltet angesehen werden, profitieren doch alle von den positiven Auswirkungen der gottesfürchtigen Generationen vor uns.

two person holding fork dipping food on sauce
Photo by angela pham / Unsplash

Doch der Leistungsdruck ist hoch. Nicht wenige junge Menschen sehen keinen Sinn in ihrem Leben, haben kein Ziel, wissen nicht, warum sie existieren. Depression und Suizid sind hierzulande keine Fremdwörter. Irgendwas fehlt. Oder ist der Preis für unseren hohen Lebensstandard vielleicht doch zu hoch? Und was hat das alles mit Gebet zu tun?

Erich Zenger schreibt in seinem Standardwerk über die Psalmen:

"Jetzt hilft nur noch beten", leichthin gesagt oder als Schlagzeile von Sensationsblättern missbraucht, ist dieser Satz gewiss ärgerlich. Aber er ist zutiefst wahr, wenn er gelebt wird!

Ich liebe das Buch der Bibel. Nicht nur wegen der Erlösung, dem ewigen Leben und dem Himmel, sondern auch wegen der Hölle, der Macht des Bösen und der Vergänglichkeit der menschlichen Existenz. All das wird mir beim Lesen schonungslos vor Augen gemalt. Ich lebe als Geschöpf Gottes in einer vergänglichen Welt, in der mich trotz aller Schönheit viel Leid, Schmerz und Ungerechtigkeit umgibt. Ich wurde dazu erschaffen, mit Gott in einer lebendigen, liebevollen und kommunikativen Beziehung zu leben, als sein Freund, Teil seiner Familie, als Gotteskind. Und dazu gehört auch, dass ich mich ihm mitteile, meiner Seele Raum verschaffe und lerne, die Eindrücke dieser Welt betend zu verarbeiten. So wie es Gottes Sohn auch tat, als er als Mensch auf dieser Erde lebte.

Als ich ein Baby war, fehlten mir Worte um mich auszudrücken. Also schrie ich insbrünstig drauf los, wenn mich etwas bedrückte. Wenn ich müde war, Hunger, nasse Windeln, Schmerzen, Angst oder Sehnsucht nach meinen Eltern hatte.
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Photo by Arwan Sutanto / Unsplash

Im Verlauf meiner Entwicklung lernte ich über die Jahre, meine Bedürfnisse in Worte zu fassen. Manchmal fällt mir das bis heute schwer. Mit dem Erwachsen werden befasste ich mich zunehmend damit, wie andere mich von aussen wahrnahmen, wie ich auf andere wirkte und wie ich meine Worte und emotionale Kraft gezielt einsetzen konnte. Eine Zeit lang konzentrierte ich mich mehr auf meinen Schein als auf mein Sein. Aus Angst vor Ablehnung. Aus Scham. Aus Unsicherheit.

Irgendwann hielt ich das nicht mehr aus und fragte mich ernsthaft, worum es denn im Leben mit Gott wirklich geht? Vor allem darum, mich im Gottesdienst sehen zu lassen? Mir einen frommen, wenn auch modernen Slang anzueignen und in Gesprächen mit anderen meine theologische Überlegenheit und authentische Frömmigkeit zu signalisieren? Ist das schon alles, was ein Leben mit Gott zu bieten hat? Und hilft mir das beim Menschsein? Kann meine Seele davon leben? Und was hat Gott davon?

Ich fragte mich immer wieder: Wo bleibt die Autenthizität? Wo die Ehrlichkeit? Wo das rohe, echte, kantige und ungehobelte Seelenleben, das ein Menschenleben in Wahrheit eben ausmacht? Gibt es überhaupt noch Räume, wo dies zum Ausdruck kommen darf? Oder muss jeder Ansatz von echtem und ehrlichem Menschsein durch einen Vintage-Farb-Filter gebleicht und mit Bossa-Nova Loungemusik entschleunigt werden? Wo sind die Barthimäusse, die mit ihren rohen, brachialen Hilfe-Schreien ihrer Not und ihrem Schiksal Ausdruck verleihen und dadurch das Herz des Heilands berühren?

boy singing on microphone with pop filter
Photo by Jason Rosewell / Unsplash

Wenn einer aus tiefster Seele schreit, gehts einem durch Mark und Bein. Schreien ist eine geistliche Sache. Singen auch. Darum gehts beim Gebet. Kommunikation mit dem Vater im Himmel, mit Gott. Ich brauche das. Ich brauche das mehr als ich wahrhaben will. Ich muss wieder zurück. Zurück zum kindlichen Ausdruck. Ich darf bei Gott lernen, als sein Kind meiner Freude und meiner Not Ausdruck zu verleihen, mit Worten, mit Lauten, mit Klangvolumen, mit Singen, mit Schreien, mit Tanzen, mit Klatschen, mit Luftsprüngen. Werdet wie die Kinder.

Das Buch der Psalmen ist voll mit ehrlichen Gebeten. Oft sehr gefühlsgeladen und emotional formuliert, äusserst poetisch und oft sehr roh, unzensiert und mit gewaltiger Bildsprache. Es sind Gebete, die andere schon vor uns gebetet haben. Gerade dann, wenn sie sich in auswegslosscheinenden Lebensumständen ohne Hoffnung und Lebensmut befanden. Gebete, die mir helfen können, meinen Einstieg ins Beten und Reden mit Gott zu finden.

Erich Zenger schreibt darüber:

Wenn Menschen in Auswegslosigkeit und Not sprachlos und apatisch werden, sich selbst überschätzen, in der Banalität und im grauen Trott des Alltags abstumpfen – wer in solchen Situationen nach den Psalmen der Bibel greift, wird aus seiner Einsamkeit, Lebensangst, oder Selbstbezogenheit befreit.

Psalmworte betend lesen und singen hilft mir. Es hilft mir beim Warten. Ja, es wird dadurch zu einem aktiven Warten. Man kann auch passiv warten. Warten auf ein Wunder. Warten, dass etwas passiert. Warten auf dieses eine grosse Wunder, das alle meine Probleme auf einen Schlag löst. Ein apathisches Warten, das auch noch die letzten vorhandenen Kräfte verzehrt.

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Photo by Anthony Tran / Unsplash

Erich Zenger fährt fort:

Wer auf ein Wunder wartet, wartet auf ein Ereignis, das alles neu macht. Von Wundern erwartet man Rettung in der Not. Oder das ganz grosse Glück. Oder die Erfüllung eines Wunsches, den man sich selbst nicht erfüllen kann. Solche Wunder gab und gibt es - aber nicht für Menschen, die so darauf warten, dass das Warten ihnen zur lähmenden Tatenlosigkeit gerät. Wer sich auf Wunder verlässt, ist verlassen.

Ich will mich nicht auf ein Wunder verlassen, sondern nur auf den Wunderwirker: Gott selbst. Ich will mit ihm und seinen Möglichkeiten rechnen. Ich will auf seine Treue und sein Eingreifen hoffen.

Noch einmal Erich Zenger:

Aber wer auf Wunder hofft, wer darauf hofft, dass nichts so bleiben muss wie es ist, und wer diese Hoffnung seinem Gott mit Psalmen sagt, wird erfahren, dass sich ihm dabei eine Quelle der Lebenskraft auftut.

Das ist aktives Warten. Hoffnungsvolles Warten. Kraftvolles Warten. Lebendiges Warten.

Ich war auf eine Hochzeit eingeladen. Die Trauung fand in einer schönen Kirche statt. Eine Band mit jungen Musikern spielte gekonnt und kreierte eine lockere, festliche Atmosphäre. Die Lieder waren modern, poppig und frisch. Und dann als letztes im Anbetungsteil dieses Lied, das auf dem 42. Psalm basiert:

Wie ein Hirsch lechzt nach frischem Wasser,
So sehn’ ich mich Herr nach dir.
Aus der Tiefe meines Herzens
bete ich dich an, o Herr.

Du allein bist mir Kraft und Schild,
Von dir allein sei mein Geist erfüllt.
Aus der Tiefe meines Herzens bete ich dich an, o Herr.

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Photo by Tim ten Cate / Unsplash

Ich konnte nicht anders. Während ich mitsang, schossen mir die Tränen in die Augen. Mag sein, dass es nur mir so ging. Für mich veränderte sich die Atmosphäre in dieser Kirche wie auf Knopfdruck. Es war, als würden die Söhne Korachs vom Himmel her mit einstimmen und mit ihnen alle, die seither Trost und Ausdruck in diesen Psalmworten gefunden haben. Es ist ein so simples Lied mit einfacher Melodie, gefühlsvollen Harmonien, drei Strophen und ein Chorus. Aber es war nicht zuletzt genau diese Einfachheit, die mein Herz berührte und mir in diesem Moment half, meiner Seele Ausdruck zu geben. Meiner Sehnsucht nach Gott und seinem Geist und dem Bewusstsein meiner Schwachstellen und Unfähigkeit. Und das mitten im Traugottesdienst. Das hatte ich nicht erwartet. Aber es tat gut.

Der Psalm 42 ist ein poetischer Ausdruck von seelischem Durst und der Sehnsucht danach, Gott zu sehen. Dabei werden Tränen vergossen und der Psalmist wird mit der Frage konfrontiert: »Wo ist denn nun dein Gott?« Erinnerungen kommen hoch und er lässt seinen Gedanken und Gefühlen freien Lauf. Die Seele stöhnt verzweifelt. Trauer bedrückt sie. Gedanken schweifen umher und suchen nach Gottes Eingreifen. Ein elender Zustand, der gleich einem Tsunami alles unter sich begräbt. Hat Gott mich vergessen? Warum werde ich von Mitmenschen angefeindet? Ein seelischer Kampf tobt in seinem Innern.

Doch zwischen den Seufzern und dem Klagen spriessen Keime der Hoffnung empor und er sagt zu sich selbst: »Warte nur zuversichtlich auf Gott!« und »Am Tag wird der Herr mir seine Gnade schenken, und in der Nacht begleitet mich sein Lied, ein Gebet zu dem Gott meines Lebens.« Der Psalmist schliesst mit einem hoffnungsvollen Ausdruck seines aktiven Wartens auf Gottes Eingreifen: »Denn ganz gewiss werde ich ihm noch dafür danken, dass er mir sein Angesicht wieder zuwendet und mir hilft. Ja, er ist mein Gott.«

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Photo by Ben White / Unsplash

Psalme betend lesen und singen hilft mir. Texte wie der aus Psalm 42 dienen mir aber auch als Sprungbrett, hinein in ein frei formuliertes Gebet. Hinein ins Singen. Hinein ins Schreien, Hinausschreien, um Hilfe schreien. Hinein ins Stampfen und Tanzen, ins Bewegen, Loslaufen, übers Feld rennen und durch den Wald spazieren. Hinein ins Rufen, Ausrufen, vor Gott rauslassen, was einem auf dem Magen liegt und ihm zurufen, unsere Sehnsucht nach ihm ausdrücken. Hinein ins Weinen und Schluchzen. Hinein ins Loslassen und es ganz Gott Überlassen. Hinein ins Zulassen. Zulassen, dass Gott es so lenkt, wie er es für gut und richtig hält. Hinein ins Sich-Zeit-lassen. Zeit um zu sein. Zeit um bei Gott zu sein. Einfach bei ihm sein. Mit ihm leben. Für ihn leben. Durch ihn leben. Jeden Tag neu.

Aus tiefster Seele
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