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Im Advent auch traurig sein

Dezember ist der Monat der Lichter, der Besinnlichkeit, der Vorfreude auf Weihnachten. Es ist der Monat der Emotionen, Erwartungen und für mich auch der Monat der Trauer.

Ich liebe die Adventszeit. Die Kerzen, die Lichter, die Sterne, den Glitzer, den Duft von Guetzli, die Weihnachtslieder. Ich schenke gern und freue mich, wenn ich ein passendes Geschenk finde, es selber einpacke und unter den Weihnachtsbaum lege. Unser ältester Sohn freut sich jeden Morgen über sein Geschenk im Adventskalender. Da ist Freude, Zauber, eine einzigartige Zeit, um etwas zu zelebrieren, das in den anderen elf Monaten im Jahr keinen Platz hat.

chocolate on brown wooden box
Photo by Markus Spiske / Unsplash

Und was sich auch einen Platz verschaffen will, ist Trauer. Seit mein ältester Bruder Anfang Dezember vor drei Jahren unerwartet verstorben ist, ist nichts mehr wie vorher. Er fehlt. Wir sind als Familie nicht mehr komplett. Ich vermisse ihn und das geht vielen so. Weihnachten war die Zeit im Jahr, an der er da war, Zuhause war, das war abgemacht. In Stein gemeisselt. Doch durch seinen Tod war plötzlich Leere, Schock, Schmerz, bodenlose Trauer, Unverständnis und Wut. Die Leere bleibt, der Schock ist vorbei, der Schmerz wird weniger, die Wut wird kleiner, doch die Traurigkeit bleibt und sie kommt in Wellen.

long exposure photography of body of water
Photo by Holger Link / Unsplash

Die Wellen der Trauer
Wellen im Meer kommen und gehen, sie verschaffen sich Platz, überfluten den Strand und ziehen sich zurück. Manchmal sind sie laut und tosend, manchmal ganz still und unscheinbar. So erlebe ich die Momente der Trauer. Sie kommen manchmal plötzlich, unterschiedlich stark und ziehen sich wieder zurück. Im November schleichen sie sich an und werden stärker und weniger kontrollierbarer im Dezember. Dann gehen sie wieder und es wird still und anderes nimmt Raum ein. Die Trauer möchte dem Advent den Zauber nehmen, die Lichter überschatten und sich Raum schaffen. Raum, den ich der Trauer nicht unbedingt geben möchte und doch weiss ich, dass es gut wäre. Wichtig und heilsam.

Ich dachte: "Ausgerechnet im Dezember, in dieser mir so lieben Zeit muss so etwas Schlimmes passieren." Auch wenn es so viel von diesem Zauber überschatten möchte, ist es genau der Monat, in dem die Lichter am hellsten scheinen. Es sind die Momente, wenn so viel Glitzer in der Luft liegt, so viel Duft und Zauber. Das ist auch etwas Kostbares. Denn das gibt mir Mut in der Traurigkeit und das Licht lässt sich nicht auslöschen. Licht ist immer stärker als Dunkelheit! So kann ich die Trauer zulassen und mich gleichzeitig ins helle Adventlicht stellen.
Die ersten Weihnachten ohne meinen ältesten Bruder folgten gleich auf die Beerdigung, es war in dieser Anfangsphase, die so schwer und schwierig war, miteingepackt. Durchgestanden, überstanden. Schon ein erstes Mal durchlebt. Ich gehe mit gemischten Gefühlen auf die kommende Weihnacht zu, er fehlt dann so sehr.

four lighted candles
Photo by Gian Reichmuth / Unsplash

Der Trauer Raum geben
Trauer schafft sich Raum, doch ich versuche ihr zu sagen, wie viel Raum sie hat, zu welcher Zeit. Doch die Gefahr besteht, dass sie nie Raum hat, keinen Platz und irgendwo weggesperrt wird. Das ist nicht gut. Das ist nicht gesund. Freunde aus meinem Umfeld sprechen mir zu, die Trauer zuzulassen, doch ich merke, dass es gar nicht so einfach ist. Immer wieder schleicht sich das Gefühl an, dass ich nicht mehr traurig sein darf, soll. Es ist ja schon drei Jahre her. Er hatte ein tolles Leben. Es passiert auch anderen Familien. Wäre mein Mann oder eines meiner Kinder gestorben, wäre das viel schlimmer.

Ja, es gibt Schlimmeres und doch merke ich immer wieder, wie mich dieser Gedanke nicht tröstet. Zu sagen, dass es Schlimmeres gibt, ist eine Strategie, mit Leid und Trauer umzugehen und ich kann diese Strategie nachvollziehen. An meinem Arbeitsplatz auf der Intensivstation sehe ich auch viel Schlimmes, da ist immer wieder viel Trauer, ein Schwanken zwischen Hoffen und Abschied nehmen. Eine Arbeitskollegin sagte mir einst: "Es gibt nicht schlimmer oder weniger schlimm, es kommt sehr auf die Person und deren Ressourcen und Bewältigungsstrategien an." Was sind denn meine Strategien? Rückzug, Weinen, Kerzen anzünden, Blumen auf das Grab legen, auch mal wütend sein auf meinen Bruder. Und dankbar sein, dass ich dies zulassen darf und Gott mir darin Trost gibt, die Wellen wieder kleiner werden und es stiller wird um die Trauer. Ausgereift sind meine Strategien nicht, das werden sie vielleicht auch nie, ich weiss es nicht.

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Photo by Denny Müller / Unsplash

Trauer gehört zu unserem Leben wie Freude, Liebe, Hoffnung, Glück. Als Menschen sind wir Beziehungswesen und Trauer hat mit Beziehungen zu tun. Beziehungen, die wegfallen, nicht mehr sind und nicht ersetzt werden können. Trauern ist wichtig, denn es macht uns fähig, weiterzuleben, weiterleben zu wollen. In die Zukunft zu blicken, auch wenn diese anders aussieht als vor dem Todesfall. Der Tod ist allgegenwärtig und doch hat er keinen Platz in unserer schnelllebigen modernen Zeit. Der Drang und Wunsch nach Unsterblichkeit, ewiger Jugend, das ist unser Zeitgeist. Dieser begleitet auch mich, ich möchte noch nicht sterben. Über ein Leben nach dem Tod spricht keiner mehr. Wenn unser Leben seinen von uns geplanten Lauf nimmt, nichts Schlimmes passiert, ist auch Trauer etwas, das andere betrifft und nicht öffentlich gemacht wird. Und wenn es plötzlich mich betrifft?

Du bist nicht allein
Es war in Stein gemeisselt, dass mein Bruder Zuhause ist an Weihnachten, auch wenn er zu spät kam, er kam und parkierte sein Auto mitten im Hofplatz, die Geschenke in Coop Papiersäcken oder in Zeitung eingepackt! Und immer schrieb er eine persönliche Karte für jeden, auch für die Kleinsten. Nun ist in sein Grabstein gemeisselt: "You never walk alone." Die Hymne vom FC Liverpool, seine Leidenschaft. Doch es ist mehr als das. Es bedeutet, dass wir alle nicht alleine sind, nicht in unserer Trauer, nicht in unserer Freude, nicht in unseren Leben und nicht nach dem Tod. Da ist ein Gott, der Mensch wurde, um die Menschen mit sich zu versöhnen und in Beziehung zu leben. Und er hat Leben nach dem Tod in seiner Nähe verheissen.

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Photo by Tim Foster / Unsplash

Einsamkeit ist ein grosses Thema in unserer Gesellschaft. Medien berichten darüber. Einen spannender Artikel habe ich kürzlich gelesen: Volkskrankheit Einsamkeit. Grossbritannien hat nun eine Ministerin für Einsamkeit, weil es ein riesiges gesellschaftliches Problem ist und sich sowohl auf die körperliche wie auf die seelische Gesundheit auswirken kann. Speziell die Adventszeit ist für viele Menschen eine traurige Zeit, eine einsame Zeit. Das beelendet mich und macht mich traurig. Haben wir als Kirche eine Antwort?

Adventszeit ist Zeit der Lichter. Lichter, die auf Jesus hinweisen, der an Weihnachten geboren wurde. Trauer hat da Platz, die Lichter leuchten am stärksten und ich möchte mich in dieses Licht stellen und die Trauer zulassen. Ich möchte es annehmen, als etwas, das zu meiner Biografie gehört, zu meinem Leben, das nun nicht weniger lebenswert ist. Auch wenn mir mein Bruder immer fehlen wird. Und ich möchte weiter an die Hoffnung glauben, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, das nicht vergleichbar ist mit dem irdischen Leben.

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Photo by freestocks.org / Unsplash

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