/ 7 Begegnungen mit Jesus

Wer ist hier blind?

Jesus heilte einen Blindgeborenen. Wer in dieser Geschichte wirklich blind und wer sehend war, führte zu einer Verwirrung, die auch heute noch unser Denken sprengt.

Das ist der sechste Artikel der Serie "7 Begegnungen mit Jesus". Es geht in dieser Serie um Begegnungen von Jesus mit ganz normalen Menschen wie dir und mir.

  1. Teil: "Ehre statt Schande"
  2. Teil: "Eine Party mit einem überraschenden Ende"
  3. Teil: "38 Jahre"
  4. Teil: "Nur ein Wort"
  5. Teil: "Mitten im Sturm"
  6. Teil: "Wer ist hier blind?"

Alle verachteten ihn.

Sie verachteten ihn, weil er blind war. Tag für Tag sass er am Strassenrand und bettelte. Eine andere Option blieb ihm nicht. Er konnte nicht arbeiten, hatte keine Perspektive in seinem Leben. Die meisten Menschen beachteten ihn nicht, wenn er Tag für Tag verzweifelt am Strassenrand sass. Im Gegenteil: Sie verachteten ihn zutiefst. Warum nur?

Der blinde Mann wusste es ganz genau: Entweder er oder seine Eltern waren schuld daran, dass er blind war. Wie hatte es nur so weit kommen können? Was war geschehen? Was hatten sie falsch gemacht? Er hatte sich selbst und seine Eltern mit diesen Fragen gequält. Klar, seine Eltern waren nicht perfekt. Doch eine so grosse Sünde? Sie waren sich dessen nicht bewusst. Sie waren gottesfürchtige Menschen und hatten stets versucht, ein gutes Leben zu führen.

Shall we play hide and seek?Featuring: @linuswang1990
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Wer ist schuld?

Da sass er nun, der blinde Mann, Tag für Tag. Manchmal hatte er das Gefühl, dass er die verachtenden Blicke der Menschen, die an ihm vorbeieilten, spüren konnte. Er stellte sich vor, wie sie ihn anstarrten und dann schaudernd die Strassenseite wechselten. Denn mit einem Sünder wie ihm wollte keiner etwas zu tun haben.

Doch plötzlich zuckte der blinde Mann zusammen. Jemand kam direkt auf ihn zu! "Rabbi", fragte eine Stimme, "wie kommt es, dass dieser Mann blind geboren wurde? Wer hat gesündigt - er selbst oder seine Eltern?" Und dann diese Antwort! Niemals würde der Blinde diese Antwort vergessen! Sie hatte sich tief in sein Gedächtnis eingegraben: "Es ist weder seine Schuld noch die seiner Eltern", erwiderte ein ihm unbekannter Mann. "An ihm soll sichtbar werden, was Gott zu tun vermag. Wir müssen den Auftrag dessen, der mich gesandt hat, ausführen, solange es Tag ist. Die Nacht kommt, in der niemand mehr etwas tun kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt."


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Das Licht der Welt? Nun war dem Blinden klar, mit wem er es zu tun hatte! Das musste Jesus sein, der vor ihm stand! Der Blinde hatte schon von ihm und seinen erstaunlichen Lehren gehört. Die Menschen hatten sich sogar wegen dem, was dieser Jesus im Tempel von sich gab, heftig gestritten. Die einen behaupteten, er sei der von Gott gesandte Messias, die anderen, er sei von einem Dämon besessen. Doch dieser Jesus konnte kranke Menschen heilen! Der Blinde erhob seinen Kopf und streckte seine Hand nach ihm aus. Und dann diese Freundlichkeit und das echte Mitleid, das in seinen Worten mitschwang! Der Blinde konnte kaum glauben, was hier geschah.

Die Guten und die Bösen

Jesus erschütterte das moralistische Weltbild seiner Begleiter, seiner Jünger. Denn ein Moralist definiert sich folgendermassen: "Ich gehöre zu den Guten, weil ich schliesslich nicht zu den Bösen gehöre." Da sich die Jünger zu den Guten, Sündlosen zählten, brauchten sie sich keine Gedanken über den Blinden zu machen, er ging sie nichts an. Denn er hatte ja gesündigt, er gehörte zu den Bösen, er war selbst schuld an seinem Elend. Doch Jesus sah die Sache völlig anders. Er kam nicht in diese Welt, um zu richten oder zu verdammen. Er kam, um zu demonstrieren, dass Gott grösser als jede Sünde und Krankheit ist. Und in diesem Fall stellte er klar, dass Menschen mit einer Behinderung geboren werden, ohne dass jemand daran schuld ist.

Doch damit nicht genug! Jesus nahm die ausgestreckte Hand des Blinden und berührte ihn. Der Blinde hörte, wie er auf den Boden spuckte. Plötzlich fühlte er auf seinen Augen etwas Feuchtes, Breiiges. Was war denn das?
"Geh zum Teich Schiloach und wasch dein Gesicht!", hörte er Jesus befehlen. Augenblicklich sprang er auf und ging, so schnell es die dicht gedrängte Menschenmasse erlaubte, mit seinem Stock davon. Er tat, was Jesus ihm befohlen hatte, und wusch sein Gesicht im Teich. Als er die Augen wieder öffnete, konnte er sehen! Ja, er war geheilt! Er konnte es nicht fassen!

Wash up
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Verwirrung

Johannes, einer der Begleiter und Freunde von Jesus, ein sogenannter "Jünger", hat seine Erlebnisse mit Jesus schriftlich festgehalten - so auch die Geschichte von diesem blinden Mann. Wir lesen in seinem Bericht, dass die Nachbarn den sehend Gewordenen zu den Pharisäern, der religiösen Elite des Landes, schleppten. Den Pharisäern war Jesus schon länger ein Dorn im Auge. Er behauptete, von Gott gesandt zu sein, doch verhielt sich immer wieder völlig konträr zu ihrer Weltanschauung und malte ein ganz anderes Bild von Gott als das der Pharisäer. Johannes schreibt: "Nun fragten auch die Pharisäer den Mann, wie es kam, dass er auf einmal sehen konnte. »Er hat mir einen Brei auf die Augen gestrichen«, antwortete er, »dann habe ich mir das Gesicht gewaschen, und seitdem kann ich sehen.«"

Dieser einfache Bericht löste bei den Theologen und Gotteskennern eine heftige Diskussion aus. Johannes hat ihre Aussagen festgehalten: "»Der, der das getan hat, kann unmöglich von Gott kommen«, sagten einige der Pharisäer. »Er hält ja den Sabbat nicht.« Andere aber meinten: »Wie kann ein Mensch, der sündigt, solche Wunder tun?« So kam es unter ihnen zu einer Spaltung. Schließlich wandten sie sich wieder an den, der blind gewesen war. »Was sagst du über ihn?«, fragten sie. »Dich hat er ja von deiner Blindheit geheilt.« – »Er ist ein Prophet«, antwortete der Mann. Aber die führenden Juden wollten nicht glauben, dass er überhaupt blind gewesen und nun sehend geworden war."

Es blieb den Pharisäern nichts anderes übrig, als Jesus als einen Sünder abzustempeln. Denn wenn er das nicht gewesen wäre, hätte es bedeutet, dass sie etwas verpasst hätten. Ja, wäre er wirklich der Messias, auf den alle sehnsüchtig warteten, hätten sie ihn nicht erkannt. Wie peinlich für eine Gruppe Theologen!

Pointing As You
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Ein einfaches Argument

Doch der Geheilte liess sich nicht beirren. Er hielt nichts vom hohen Ansehen, das die Pharisäer in der Gesellschaft genossen. Er konfrontierte sie, bis sie richtig wütend wurden. Johannes schreibt in seinem Bericht: "»Das ist doch wirklich sonderbar!«, meinte der Mann. »Er hat mich von meiner Blindheit geheilt, und ihr wisst nicht, woher er kommt. Wir alle wissen, dass Gott einen Sünder nicht erhört; er erhört den, der gottesfürchtig ist und das tut, was Gott will. Hat man denn, solange die Welt besteht, je schon gehört, dass jemand einen Blindgeborenen von seiner Blindheit geheilt hat? Wenn dieser Mann nicht von Gott käme, könnte er solche Dinge nicht tun.« Darauf antworteten sie nur: »Du bist ganz und gar in Sünden geboren. Wie kannst du es wagen, uns zu belehren!« Und sie warfen ihn hinaus."

Der Geheilte wurde von den Pharisäern zurück in ihr Schema gedrückt. Sie wollten nicht wahrhaben, dass ein aus ihrer Sicht wegen Sünde blind geborener plötzlich sehen konnte und sie als Theologen mit einem einfachen Argument über diesen Jesus entwaffnete. Das Offensichtliche, Eindeutige wollten sie nicht wahrhaben, weil es nicht ihren Vorstellungen entsprach. Sie waren auf ihre Art blind. Geblendet von der tiefen Überzeugung, mit ihrer Weltanschauung richtig zu liegen.


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Eine verwirrende Richtigstellung

Doch was geschah mit dem Geheilten, der nun aus der Synagoge ausgestossen war? Durch seine Heilung war er zwar der Verachtung der Menschen für ihn als Blinden entronnen, doch nun war er auf eine erneute Art und Weise ausgestossen.

Was tat Jesus? Er suchte den Geheilten. Der Bericht schliesst mit folgender Szene: "Jesus hörte, dass sie den Geheilten hinausgeworfen hatten. Als er ihn wieder traf, fragte er ihn: »Glaubst du an den Menschensohn?« – »Herr, sag mir, wer es ist«, erwiderte der Mann, »dann will ich an ihn glauben.« – »Du siehst ihn vor dir«, sagte Jesus. »Es ist der, der mit dir redet.« Da rief der Mann: »Herr, ich glaube!«, und er warf sich vor ihm nieder. Daraufhin sagte Jesus: »Dadurch, dass ich in diese Welt gekommen bin, vollzieht sich ein Gericht: Die, die nicht sehen, sollen sehend werden, und die, die sehen, sollen blind werden.«"

Was meinte Jesus damit? Er sprach eine innere, geistliche Blindheit von äusserlich sehenden Menschen an. Wenn wir genau hinschauen, erkennen wir ähnliche Muster wie damals auch in unserer Gesellschaft. Wie schnell schauen wir auf andere Menschen herunter, weil sie nicht unserem Wertesystem entsprechen? Weil sie uns fremd erscheinen und wir ihr Verhalten auf den ersten Blick nicht verstehen? Wie schnell kritisieren wir ein Verhalten anderer, das wir selbst an den Tag legen?

Drifter a project by Studio Drift, showed at the Stedelijk Museum in Amsterdam. From their site: Drifter “how does your perception of the world shift as you realize that what we take for granted now – a world composed of huge, immensely strong and stable structures – was once considered utopia?”
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Normen hinterfragen

Diese Blindheit, die Jesus damals durch die Heilung des Blinden konfrontierte, zeigt sich in einem Überzeugtsein von den Werten und der Weltanschauung einer Gesellschaft, die moralisiert. Eine Weltanschauung, die in Gut und Böse unterteilt. Die wertet. Die Linien zieht und defeinieren will, was richtig und was falsch ist. Auch und gerade unter Christen findet sich dieses Denken, wie Josua Hunziker in früheren Artikel auf diesem Blog treffend beschrieb. Steckt nicht in jedem von uns manchmal ein Moralapostel?

Jesus kam auf diese Welt, um uns von unserem einengenden, richtenden Denken zu befreien. Er möchte unsere Überzeugungen und Normen hinterfragen, um unseren Blick zu öffnen - uns sehend zu machen. Um die Welt auf eine andere Art und Weise wahrzunehmen, so dass wir hinter Fassaden blicken können. Dass wir lieben können, wo wir keine Liebe erhalten. Dass wir Menschen annehmen können, die sich unverständlich verhalten. Dass wir denen, die am Rand der Gesellschaft leben, Wertschätzung entgegenbringen können.

Jesus fordert unser Denk- und Wertesystem und dadurch am allermeisten unseren Glauben heraus, so wie er es beim geheilten Mann getan hat. Das ist seine eigentliche Frage, die unseren Blick öffnen wird: Glaubst du an mich?

Der Blindgeborene wurde durch die Begegnung mit Jesus äusserlich und innerlich sehend. Er hatte Glauben gefunden und sah die Welt danach aus einer anderen Perspektive. Jesus möchte auch dir gerade jetzt, in diesem Moment begegnen. Er fragt dich, ob auch du sehend werden möchtest? Ich möchte dich ermutigen, ihm eine Antwort zu geben - er ist nur ein Gebet weit entfernt.


Das ist der sechste Artikel der Serie "7 Begegnungen mit Jesus". Es geht in dieser Serie um Begegnungen von Jesus mit ganz normalen Menschen wie dir und mir.

  1. Teil: "Ehre statt Schande"
  2. Teil: "Eine Party mit einem überraschenden Ende"
  3. Teil: "38 Jahre"
  4. Teil: "Nur ein Wort"
  5. Teil: "Mitten im Sturm"
  6. Teil: "Wer ist hier blind?"
Ursi Gasser

Ursi Gasser

Frau, Ehefrau, Familienfrau, Pflegefachfrau mit Weiterbildung auf Intensivpflege, freischaffende Journalistin

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