/ Inspiration

Eine Zumutung!

Nicht immer läuft im Leben alles rund - nur zu oft erscheint es uns als eine regelrechte Zumutung. Was hat sich Gott nur dabei gedacht?

Was mute ich meinen Kindern nicht alles zu: Aufstehen, anziehen, Zähne putzen, warten, raus gehen, wieder rein gehen, sich langweilen, mit Besteck essen, ins Bett gehen. Nur zu oft gehen ihnen diese und viele weitere Aktivitäten nicht nur grundsätzlich gegen den Strich, sondern sind vom Timing her oft einfach nur ganz und gar unpässlich. Zudem habe ich ziemlich enge Vorstellungen von der täglichen gesunden Bildschirmzeit, der Bandbreite der Nahrungsmittel auf dem Teller und der angemessenen Lautstärke der Tischgespräche. Das Zimmer sollte am Abend einigermassen aufgeräumt sein, die Zahnpasta gehört - Nein! - nicht an den Spiegel und mit der Tastatur werden - bitte doch! - keine Nägel eingeschlagen. Ja, wie wir mit unseren Kindern das "normale Leben" trainieren muss ihnen nur zu oft als eine wahrhaftige Zumutung erscheinen.

Zähne puzten
Photo by Phuong Tran / Unsplash

Nun gut, meinen Kindern soll es schliesslich nicht besser gehen als mir selbst. Wenn die wüssten, mit was ich mich den ganzen Tag sonst noch so herumschlage. "Anspruchsvolle" Kunden, prozesswütige Bürokraten und verantwortungsresistente Mitarbeiter am Arbeitsplatz sind ja noch auszuhalten. Als Teilzeit-Hausmann sind mir auch die nie endende Putzbedürftigkeit unserer Wohnung, der ständig nachwachsende Wäscheberg und der vor Leere gähnende Kühlschrank bestens bekannt. Doch das alles hat der Mann von heute auch möglichst CO2-kompensiert, ohne Food-Waste und geschlechtergerecht abzuwickeln. Dass man sich dabei auch noch selbst verwirklicht, seinen inneren Stern findet und seiner individuellen Besonderheit künstlerischen Ausdruck verleiht, ist ja selbstverständlich. Als politisch verantwortungsbewusster Mensch setze ich mich mit jeder Abstimmungsvorlage auseinander und bilde mir eine differenzierte Meinung. Zudem studiere ich die Lebensläufe und Profile aller zur Wahl stehenden Politiker genau. Meine Steuererklärung ist pünktlich eingereicht und schöpft alle Abzüge maximal aus, meine Vorsorge- und Versicherungssituation prüfe ich quartalsweise und passe sie laufend meiner sich ständig verändernden Lebenssituation an. Soweit alles im grünen Bereich - ich packe das!

Doch dann kommt es. Was auch immer es ist - ein unverschuldeter Knick in der beruflichen Laufbahn, eine ungeplante Schwangerschaft, ein Schicksalsschlag, eine Krankheit, ein Todesfall in der Familie. Wo ich vorher - zwar im Hamsterrad - mein Leben noch einigermassen im Griff zu haben schien, fällt mein scheinbar geschmiertes System plötzlich auseinander. Damit habe ich jetzt nicht gerechnet. Das geht über meine Kapazität. Auch das noch. Und gerade jetzt, gerade jetzt wo eh schon so viel läuft. Ich hätte mich gerade noch so durchgeschlängelt. Ich hatte den perfekten Plan. Aber jetzt? Wie soll das noch reinpassen? Gott, was soll das? Eine Zumutung, so etwas!

Stress
Photo by Christian Erfurt / Unsplash

Ja, wirklich, eine Zumutung. Das kann man ja niemandem zumuten. Solchen Druck. Solche Schwierigkeiten. Solches Leid. Eine solch starke Einschränkung der Lebensträume, des persönlichen Freiraums, des Glücks. Das Leben ist oft - und immer wieder - eine Zumutung.

Ja, Gott mutet uns ganz schön was zu.

Ich habe kürzlich das Wort "Zumutung" etwas genauer betrachtet. Und ich habe etwas entdeckt. In der Zumutung steckt nebst der Vorsilbe "zu" - also eine Bewegung auf jemanden hin - das Wort "Mut"! Zumutungen anzupacken, in ihnen zu stehen, ihnen aufrecht zu begegnen - das braucht Mut. Manchmal viel davon. Mehr, als wir einfach so aufbringen können. Hier kommt das zu ins Spiel.

Könnte es sein, dass Gott selbst uns mit jeder Zumutung, mit jeder unnötigen und über das "Normale" hinausgehenden Belastung Mut zukommen lassen möchte? Könnte es sein, dass Er unsere Umstände braucht, um Mut in uns heranwachsen zu sehen? Und dass wir gerade in unzumutbar scheinenden Umständen neue Quellen des Mutes finden können, die wir unter normalen Umständen nicht für möglich gehalten hätten? Könnte es sein, dass wir gerade an Zumutungen wachsen? In den Zumutungen stark werden? Dass uns Zumutungen unseren engen Horizont öffnen und den Blick weiten?

Am Meer
Photo by Joshua Earle / Unsplash

Timothy Keller schreibt dazu in im Buch «Gott im Leid begegnen»

In seinem Buch Far from the Tree untersucht Andrew Solomon den Schock und die Reaktion von Eltern, die entdecken, dass das Kind, das sie bekommen haben, nicht so ist wie sie, sondern stattdessen gehörlos, kleinwüchsig, mit Downsyndrom, autistisch oder sonst auf irgendeine Weise chronisch krank oder behindert. […] Solche Kinder stürzen die Familie, in die sie hineinkommen, immer in eine Krise, aber unter dem Strich kommt Solomon zu folgendem Ergebnis: «Das Faszinierende in diesem Buch ist, dass die meisten in ihm beschriebenen Familien dahin kamen, dass sie dankbar waren für die Erfahrungen, die sie im Leben nicht freiwillig gemacht hätten

Ein behindertes Kind - wenn das mal keine Zumutung ist. Wie sehr sind mir mein Bruder Emanuel und seine Frau Joanna ein Vorbild, wie sie mit der Behinderung ihres Sohnes umgehen. Nicht, dass einfach alles happy-clappy wäre. Doch ihre Leben und die Leben vieler anderer Menschen, die in schwierigen Umständen, Krankheit und Verfolgung ihren Mut nicht verloren, sondern vielmehr in einer neuen Tiefe entdeckt haben, inspirieren mich. Sie fordern mich auf, meinen persönlichen Zumutungen ins Auge zu sehen. Sie als Chance zu sehen. Als Werkzeug in Gottes Händen. Immer wieder fragend beten "Vater, was willst du damit in meinem Herzen und im meinem Umfeld bewirken?" Ich will den Mut, den Gott mir "zuwirft" auffangen.

Den Ball auffangen
Photo by John Torcasio / Unsplash

Welche Zumutung willst du heute mit neuen Augen sehen?

Gelobt sei der Herr täglich. Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch. (Psalm 20,8)

Eine Zumutung!
Teilen

Abonniere den fct blog