/ Theologie

Zurück zu den Anfängen

Emanuel Hunziker Emanuel Hunziker

Die heutige westliche Kultur prägt die Menschen so, dass sie den christlichen Glauben nicht nur anstössig, sondern unverständlich finden. Wie gehen wir damit um?

„Wir treten in eine neue Ära ein, in der man als Christ nicht nur keine sozialen Vorteile mehr hat, sondern effektiv einen Preis dafür bezahlt. Wir müssen neue Wege finden, um Menschen zu erreichen, denen es nicht im Entferntesten in den Sinn käme, in die Kirche zu kommen oder auch nur an die grundlegendsten christlichen Werte zu glauben.“ – Timothy Keller

Wie leben wir als Christen in dieser neuen Ära? Wie verhalten wir uns? Wie erfüllen wir unseren Auftrag, die frohe Botschaft von Jesus zu verkünden und Menschen zu seinen Jüngern zu machen?

Ein hilfreicher Ansatz ist der Blick zurück zu den Anfängen. Der christliche Glaube breitete sich in den ersten Jahrhunderten mit grosser Dynamik in ganz Europa aus. Dabei hatten Christen markante gesellschaftliche Nachteile und wurden mitunter regelrecht verfolgt. Was machte den Glauben der Christen von damals so überzeugend, dass sich ihnen trotzdem so viele Menschen anschlossen? Was können wir heute davon lernen?

Larry W. Hurtado ist diesen Fragen nachgegangen und kam zu erstaunlichen Erkenntnissen, die ich infolge beleuchten möchte.


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Das Christentum - eine Nicht-Religion

Die Römer nannten die Christen albern, dumm, irrational, einfältig. Boshaft, abscheulich, stur, asozial. Übertrieben, pervers. Trotzdem florierte das Christentum mit seinen neuen und unverkennbaren Merkmalen, die einen geradezu irritierenden Gegensatz zum römischen Denken bildeten. Wie in aller Welt war das möglich? Was waren die Gründe?

Wie kaum eine andere religiöse Gruppierung verweigerten Christen die Anbetung der römischen Götter und entzogen sich dem Kaiserkult, was Verfolgung und Märtyrertum nach sich zog. Die Römer verstanden keinen Spass, wenn es um ihren Kaiser ging. Trotzdem bekannten sich immer mehr Menschen zu dieser neuartigen Sekte, die in den Augen der Römer gar keine richtige Religion darstellte.

Warum sahen die Römer das Christentum nicht als 'richtige' Religion an? Ganz einfach: Die Christen hatten keine Tempel, keine Priester und brachten keine Opfer, denn Jesus selbst war für sie der letzte Tempel (Joh 2:19-21), der letzte (Hohe-) Priester (Heb 4:14) und das letzte Opfer (Heb 10:10). Infolgedessen - so glaubten die Christen - wird jeder Mensch, der an diesen Jesus glaubt, zu einem Priester (1. Petr 2:9), der Gott sein ganzes Leben opfert (Röm 12:1) und dessen Körper zu einem Tempel des Heiligen Geistes wird. (1. Kor 6:19)


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Der bekannte Pastor und Buchautor Timothy Keller schreibt:

So etwas hatte damals noch nie jemand gehört. Deshalb nannten sie die Römer 'Atheisten', weil das, was die Christen über die geistliche Wirklichkeit sagten, einzigartig war und sich in keine der anderen Weltreligionen einordnen ließ ... Uns fällt es heute schwer, uns das klarzumachen, aber als das Christentum erstmals auf den Plan trat, wurde es nicht als eine Religion bezeichnet. Es war die Nicht-Religion. - Timothy Keller

Der christliche Glaube bot zudem eine ganz neue Art von Identität, die nicht auf Rasse oder Ethnie beruhte. Dies war für die damalige Zeit unverständlich, denn damals hatte jeder Stamm und jedes Volk seine eigenen Götter. Religion und ethnische Zugehörigkeit verstärkten damals die Mauern zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen. Doch der christliche Glaube sprengte dieses System total! (Gal 3:28; Kol 3:11)

Weiter war das Christentum unverkennbar eine Text-Religion, welche das Produzieren, Abschreiben, Verbreiten und Lesen von Texten als zentral ansah. Die ersten Christen bevorzugten sogar eine Buchform, den Kodex.

Und schliesslich: Ganz anders als die durch einfache Teilnahme an rituellen Bräuchen gekennzeichneten heidnisch-religiösen Glaubensformen forderte der christliche Glaube mit seinen neuen und ungewöhnlichen ethischen Ansprüchen von seinen Anhängern eine Verhaltensänderung.

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Für die Römer war das Christentum neu und anders und es bedrohte die sozialen und religiösen Konventionen jener Zeit. Die Christen ernteten für ihren Ruf als Atheisten (man stelle sich das einmal vor!) und Staatsfeinde von den Römern Verachtung und Argwohn. Die Ironie der Geschichte zeigt sich darin, dass die Merkmale der frühen Christenheit, welche sie in den Augen der Römer so unverwechselbar und störend machten, den Niedergang des römischen Reiches überdauerten und die westliche Kultur bis heute prägen.

Für die meisten Leute in unserer Gesellschaft ist das Christentum gleichbedeutend mit Religion und Moralismus. Die einzige Alternative dazu (abgesehen von irgendeiner anderen Weltreligion) ist der säkulare Pluralismus. Doch am Anfang war das nicht so! Das Christentum wurde als ein 'tertium quid' – 'ein drittes Etwas' – gesehen, als etwas völlig Andersartiges, das weder in die eine noch in die andere Kategorie passte. – Timothy Keller

God’s Word
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Das Evangelium von Jesus in einer nach-christlichen Kultur

Timothy Keller nennt zusammen mit Larry W. Hurtado fünf Elemente, die eine Grundlage bieten können, um den nach-christlichen Westen mit dem Evangelium zu erreichen:

1. Die Kultur anhand des Evangeliums erklären

Bevor wir einer Kultur das Evangelium erklären können, müssen wir die Kultur ANHAND des Evangeliums erklären. Wie ist das gemeint?

Es genügt nicht zu beweisen, dass der christliche Glaube auch heute noch aktuell ist und mit unserer modernen, wissenschaftlich geprägten Kultur mithalten kann. Es braucht mehr als das. Der bekannte Kirchenvater Augustinus übte beispielsweise mit seiner Schrift 'Von der Bürgerschaft Gottes' radikale Kritik an der vorherrschenden heidnischen Kultur und zeigte auf, wie diese Kultur an ihren eigenen Standards scheitert. Erst durch diese direkte Konfrontation bekam das Evangelium eine ernstzunehmende Relevanz, weil es einen besseren Weg aufzeigte.

Auch wir kommen heute nicht darum herum, die vorherrschende säkulare Kultur des Westens und ihren Anspruch auf Neutralität, Objektivität und Universalität anhand des Evangeliums zu hinterfragen. Insbesondere sollte ein solches Vorgehen aufzeigen, dass das moderne säkulare Bezugssystem im Bestreben, das individuelle Selbst vollständig von allen Ansprüchen der Tradition, Religion, Familie und Gemeinschaft zu befreien, zu Verhältnissen geführt hat, in denen

  • alle Werte relativ
  • alle Beziehungen ein Tauschhandel
  • alle Identitäten hochgradig zerbrechlich
  • alle (angeblichen) Quellen der Erfüllung enttäuschend sind.

Das Narrativ unserer Zeit lautet: „Frei sein ist der Sinn des Lebens“. Es gilt, diese herrschende Definition von Freiheit anhand des Evangeliums zu beleuchten und zu hinterfragen und die Freiheit durch Christus in Relation zu stellen, wie dies im nächsten Punkt beschrieben wird.


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2. Das Evangelium für eine nach-christliche Zeit

Niemand kann ohne Sinn, Zufriedenheit, Freiheit, Identität, Vergebung und Hoffnung leben. Es geht also darum, die gängigen Antworten der Menschen auf die grossen Fragen des Lebens respektvoll zu hinterfragen und zur gegebenen Zeit in Relation zur unübertroffenen Erfüllung zu stellen, die das Evangelium von Jesus bereithält:

  • Einen Sinn im Leben, der nicht durch Leid genommen werden kann (gegebenenfalls sogar vertieft werden kann)
  • Eine Zufriedenheit, die nicht auf Umständen basiert
  • Eine Freiheit, die Gemeinschaft und Liebesbeziehungen nicht zu einem Tauschhandel degradiert
  • Eine Identität, die nicht zerbrechlich ist und nicht auf Leistung oder Abgrenzung basiert
  • Ein Umgang mit Schuld und Vergebung, ohne bleibende Bitterkeit und Schamm
  • Eine Grundlage, um Gerechtigkeit zu bewirken, ohne dabei selbst zum Unterdrücker zu werden
  • Eine Gelassenheit, um der Zukunft und selbst dem Tod im Frieden zu begegnen

3. Eine Gegenkultur des gemeinschaftlichen Zusammenlebens

Die christliche Gemeinde der ersten Jahrhunderte lebte mit Überzeugung folgende fünf Wesensmerkmale, die zusammen ein unzertrennbares Ganzes bilden:

  • Multi-kulturell: In den Gemeinden lebten Menschen verschiedenster ethnischer Hintergründe zusammen
  • Sozial: Sie kümmerten sich mit grossem Engagement um Arme und Randständige
  • Gewaltlos: Sie suchten Vergebung statt Vergeltung
  • Schutz des Lebens: Sie waren vehement und ganz praktisch gegen Abtreibung und Kindstötung
  • Alternative Sexualethik: Ihre Sexualethik war revolutionär anders als die Sexualethik der römischen Kultur

Indem die ersten Christen die fünf Werte lebten, zeigten sie durch ihr Leben die Schwächen des römischen Reiches und dessen Kultur auf. So wurde das Christentum mit der Zeit zu einer ernstzunehmenden und sogar attraktiven Option für eine Gesellschaft, welche die Christen gleichzeitig verfolgte und verachtete. In diesem Sinne interpretierten die Christen durch ihr Leben die römische Kultur anhand des Evangeliums (siehe Punkt 1).


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4. Den Zeitgeist durchschauen lernen

Wie werden Menschen mit christlichen Werten geprägt und geformt? Es geht dabei nicht nur darum, sich die christliche Lehre als solche einzuprägen. Was ist schon 1 Stunde Gottesdienst am Sonntagmorgen im Verhältnis zu den restlichen 167 Stunden der Woche, in denen wir Tag und Nacht ununterbrochen die Werte unserer säkularen Kultur "gelehrt" bekommen, insbesondere durch die digitalen Medien?

Darum müssen wir die Werte des Evangeliums in Relation zu den säkularen Werten unserer westlichen Kultur stellen lernen. Wir brauchen eine neue Art von Training, bei dem wir lernen den Zeitgeist und seine neutral scheinenden Ansprüche anhand der biblischen Lehre zu durchschauen und uns vor seinem Einfluss zu schützen. Zudem ist es unumgänglich, dass wir lernen unseren Glauben in den Arbeitsalltag zu integrieren (statt nur Sonntags 1 Stunde zu 'polieren'), damit das Evangelium auf natürliche Weise 'Salz und Licht' sein kann.

5. Gnade auf den Punkt bringen

Das Verständnis für den Unterschied zwischen Evangeliums-Gnade und religiösem Moralismus darf uns niemals abhandenkommen.

Johannes Hartl bringt in seinem genialen Vortrag 'Das entfesselte Evangelium' die Meinung der Europäer über das Christentum auf den Punkt: "Europäer denken, Christ sein bedeute, ein guter Mensch zu sein." Hartl nennt diese Definition ein 'Fake-Evangelium'. Was bedeutet es denn, ein guter Mensch zu sein? Der Relativist sagt: «Ich bin ein guter Mensch, denn es gibt nur gute Menschen. Jeder soll so leben, wie es für ihn stimmt». Der Moralist sagt: «Ich bin ein guter Mensch, weil ich keiner von den Bösen bin! Ich bin ein guter Mensch, weil ich Gutes tue.» Pikant daran: Beide Definitionen und die daraus resultierenden Verhaltensweisen können völlig religionsunabhängig gelebt werden, auch als Atheist.

Die biblische Botschaft vom Kreuz hingegen besagt:

  • Der Moralist hat schon ein wenig recht, es gibt die Bösen. Doch die ganze Wahrheit lautet: Wir alle gehören zu den Bösen. (Joh 3,19)
  • Der Relativist hat auch ein wenig recht, denn es gibt den guten Menschen. Doch die ganze Wahrheit lautet: Keiner von uns ist gut! (Röm 3,12)
  • Es gibt nur einen guten Menschen, und der besiegte das Böse durch seinen stellvertretenden Tod für die Menschheit. (2.Kor 5,21)

Das Evangelium der Gnade richtet unseren Blick auf den gekreuzigten Gottessohn und sagt uns: "So verloren wärst du. Und so geliebt bist du." (Joh 3,16)

Holding the Bible
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Dieser Blog-Artikel beinhaltet eine gekürzte Form von Texten, die ich auf dem Daniel-Option Blog veröffentlichen durfte.

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