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Vom Wachstumsschmerz

Emanuel Hunziker Emanuel Hunziker

Der Schmerz ist nicht das eigentliche Problem. Viel gefährlicher ist die Unfähigkeit oder der Unwille sich dem Schmerz und seinem Ursprung zu stellen.

"Kaffee?", fragt mich der Mann vor mir in der Warteschlange, noch bevor er sich selbst bedient. "Ja gerne!", antworte ich und halte ihm einen Pappbecher hin. "Bist du Pastor?", fragt er weiter. "Ja genau", entgegne ich, "seit 5 Jahren leite ich eine Kirche mit 5 Standorten in der Schweiz. Und du?" "Ich arbeite im Familienbetrieb mit und bin dabei die Leitung der Firma von meinem Vater zu übernehmen", antwortet der Mann mittleren Alters mit Kurzhaarschnitt und Dreitagebart. Er kratzt sich am Hinterkopf und fügt dann stirnrunzelnd hinzu: "Ist nicht ganz einfach, dieser Prozess." Ich nehme einen grossen Schluck Filterkaffe und entgegne grinsend: "Das kommt mir bekannt vor!" Und schon befinden wir uns mitten in einem ehrlichen und tiefgründigen Gespräch über Generationenwechsel, Führungsstil und Berufung.

Es bleibt uns nicht viel Zeit, denn im Hintergrund läuft schon der Count-Down zum nächsten Programmteil der Leiterkonferenz, die in den Räumlichkeiten der Credo-Kirche in Wuppertal, Deutschland stattfindet. "Kennst du das Buch Leadership Pain? Wenn nicht, empfehle ich es dir wärmstens!", meint er beim Auseinandergehen.

Ich notiere mir den Titel und denke: Leadership Pain? Führungsschmerz? Spricht mich total an! Untertitel: Das Schulzimmer für Wachstum. Schmerzen und Wachstum? Kommt mir bekannt vor. Das kenne ich aus meiner Jugendzeit. Mein Körper schoss in der Wachstumsphase regelrecht in die Höhe und ich hatte dadurch oft Gelenkschmerzen. Und dann die seelischen Schmerzen, die sich im Teenageralter in meinem Inneren zunehmend wie Messerstiche anfühlten. Das kannte ich so gar nicht aus meiner Kindheit. Unruhe, Unsicherheit, Zweifel. Es fühlte sich schrecklich an.


Photo by Jeremy Bishop / Unsplash

Erwachsenwerden ist schmerzhaft. Das Kindesalter hinter sich lassen, aber noch nicht ganz erwachsen sein ist schwierig. Manchmal gar bedrückend. Doch es geht nur in die eine Richtung weiter: Vorwärts. Da muss man durch. Erwachsenwerden geht nur durch Wachsen. Sich der Realität des Lebens stellen lernen. Die Chancen nutzen und das Bestmögliche draus machen. Naive Ideale hinter sich lassen. Dem Schmerz und der Härte des Lebens ins Auge sehen. Verantwortung übernehmen. Gut zu sich selber schauen. Sich selbst lieben. Sich führen lernen.

Führung bewirkt Veränderung, Wachstum und Weiterentwicklung, schreibt Sam Chand in seinem Buch über den Führungsschmerz. Weiterentwicklung führt unweigerlich auch zu Verwirrung, Verlusten und Widerständen. Mit anderen Worten: Wer führt, verursacht immer Schmerzen bei sich selbst und seinen Mitmenschen. Denn Wachstum bedeutet Veränderung. Veränderung bringt Verluste mit sich. Verluste tun weh. Schlussfolgerung: Wachstum schmerzt.

Wer hat schon gerne Schmerzen? Ab einem gewissen Grad wünscht man sich doch nur noch eines: Schmerzlinderung! Oder noch besser: Schmerzfreiheit! Doch schmerzhafte Veränderungen sind oft nicht mehr rückgängig zu machen. Weiterentwicklung geht einher mit dem Loslassen von alten Sicherheiten und dem sich Lösen von gewohnten Abläufen. Veränderung bringt Verunsicherung. Ungewohntes bringt Verwirrung. Man gerät ins Grübeln. War es zuvor nicht doch besser?

A small wild plants alone facing the waves of the Vietnam sea.I was laying down on the beach when I saw it and love how it’s standing there by itself!
Photo by Benjamin Patin / Unsplash

Jeder hat seine Mechanismen und Strategien, wie er mit seelischen Schmerzen umgeht. Wir können sie kleinreden: "Ach, ist doch halb so schlimm!" Wie oft rechtfertigen wir auch unsere Peiniger: "Das hat sie nicht wirklich so gemeint!" Oder wir leugnen den Schmerz: "Welcher Konflikt? Welche Verletzung? Ich weiss nicht, wovon du sprichst!"

Doch der seelische Schmerz an und für sich ist gar nicht unser eigentliches Problem. Die Unfähigkeit und der Unwille sich dem Schmerz zu stellen ist viel gefährlicher als der Schmerz selbst. Schmerzen sind Signale. Schmerzen weisen uns auf etwas hin. Physische und seelische Schmerzen kann man zwar betäuben, aber die Strategie der reinen Symptombekämpfung wird auf Dauer gefährlich. Diese Tatsache wird bei der chronischen Infektionskrankheit, die unter dem Namen Lepra oder Aussatz bekannt ist, auf erschütternde Weise deutlich.

Bei dieser Krankheit sterben die Nerven ab und die Gefäße der Arterien und Venen verstopfen durch eine Verdickung des Blutes. Die Betroffenen verlieren meist das Gefühl für Kälte, Wärme und auch Schmerz. Ohne Behandlung verletzen sich die Patienten oft unbemerkt und infizieren sich über die Wunden an lebensgefährlichen Krankheiten. Da die Erkrankten keine Schmerzen spüren, werden Wunden oft unbehandelt gelassen, und durch Entzündungen können diese Körperbereiche absterben. Wikipedia

Due to resilience
Photo by Mario Caruso / Unsplash

Paradoxerweise haben gerade Christen oft mehr Mühe mit persönlichen Schmerzen umzugehen als Nichtchristen. Wir schauen auf die Zusagen Gottes und schliessen daraus, dass Gott unsere Leben mit Freude, Liebe und Erfolg füllen sollte. Doch das ist in Wahrheit Rosinenpickerei. Denn die Bibel spricht sehr klar und deutlich darüber, dass Gott uns auf dieser Welt nicht von Schmerz und Leid abschirmt, sondern durch anhaltendes Leiden seine Gnade in unseren Leben entfaltet.

Wenn wir aber Kinder sind, sind wir auch Erben – Erben Gottes und Miterben mit Christus. Dazu gehört allerdings, dass wir jetzt mit ihm leiden; dann werden wir auch an seiner Herrlichkeit teilhaben. Paulus von Tarsus

Diese Art von Bibelstellen konfrontieren jegliche Formen des Wohlfühlchristentums. Was wir dringend brauchen, ist eine neue, erlösende Perspektive auf die schmerzlichen Erfahrungen in unserem Leben.

Ich weiss es mittlerweile auch aus eigener Erfahrung: Meine grösste Limitation ist nicht der Schmerz selbst. Meine grösste Limitation ist mein Unwille, mich dem Schmerz zu stellen und mich mit dem zu befassen, auf was er mich hinweist. Jim Morrison beschrieb es so:

Schmerz ist dazu da uns aufzuwecken. Menschen versuchen ihren Schmerz zu verstecken. Doch sie liegen falsch damit. Der Schmerz lässt sich tragen, wie ein Radio. Du spürst deine Kraft in der Schmerzerfahrung. Alles entscheidet sich darin, wie du ihn trägst. Darauf kommt's an.

Schmerz ist ein Gefühl. Deine Gefühle sind ein Teil von dir. Deine eigene Realität. Wenn du dich für sie schämst und sie versteckst, lässt du dir deine Realität von der Gesellschaft zerstören. Du solltest für dein Recht einstehen deinen Schmerz zu fühlen. Jim Morrison

Inwiefern Jim Morrison an seiner eigenen Erkenntnis scheiterte, möchte ich hier nicht kommentieren. Doch was er beschreibt, hat etwas Wahres wie ich finde. Ich stelle mir ernsthaft die Frage: Warum tue ich mich so schwer, mich meinen inneren Schmerzen zu stellen? Da sind all die unerfüllten Erwartungen ans Leben, an meine Mitmenschen und an Gott. Da gibt es Enttäuschungen und Misserfolge. Da finden sich seelische Verletzungen und ein paar ganz unschöne Szenen in meinem Leben. Da gab es Brüche und Zusammenbrüche.

Little Growing Plant
Photo by David von Diemar / Unsplash

Doch all diese schmerzhaften Erfahrungen und bleibenden Narben haben Gott nicht daran gehindert mit mir vorwärts zu gehen. Er hält trotz allem an seiner Bestimmung fest, für die er mich erschaffen hat. Gerade all die schmerzhaften Erlebnisse haben mich durch Gottes Gnade zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Gott selbst hat mich durch sie geformt, zurechtgestutzt und stärker gemacht. Rückblickend darf ich erkennen: Der Schmerz ist nichts weiter als Gottes Werkzeug, mit dem er seine Gnade in meinem Leben entfaltet. Es ist das Skalpell eines Meisterchirurgen, der eine lebensrettende Operation an mir vollzieht. Er weiss, was er tut. Und er tut es aus Liebe und Fürsorge, weil er ein guter Vater ist.

C.S.Lewis hat es in seinem Buch "Über den Schmerz" so formuliert:

Gott flüstert in unseren Freuden, er spricht in unserem Gewissen; in unseren Schmerzen aber ruft er laut. Sie sind sein Megaphon, eine taube Welt aufzuwecken. C.S.Lewis

Und Elisabeth Elliott, deren Mann im östlichen Teil von Ecuador von einer Gruppe Waorani ermordet wurde, als er sie für das Evangelium erreichen wollte, schreibt:

Ich bin mir der Tatsache sehr bewusst, dass Schmerzen nötig sind für uns alle. Ich denke, ich kann aus meiner eigenen Lebenserfahrung heraus ehrlich bezeugen, dass aus dem tiefsten Schmerz die stärkste Überzeugung für die Gegenwart Gottes und die Liebe Gottes hervorging. Elisabeth Elliott

Solche Aussagen geben mir Hoffnung. Hoffnung für mich selbst. Und Mut dran zu bleiben. Mich immer wieder neu dem Schmerz zu stellen, wenn ich ihn spüre. Ihn nicht zu verdrängen. Ich will sein Signal ernst nehmen. Auf meinen Körper hören. Meine Seele liebevoll führen. Ich will im Schmerz mein inneres Ohr auf Gott ausrichten und mich an seinem Wort festhalten. Ich will im Schmerz seine Gegenwart wahrnehmen und ihm danken, dass ich leben und atmen darf. Ich will am Schmerz wachsen und ihn mit Würde tragen lernen, wie es Jesus tat. Er ging mir voraus. Er ist mein Retter. Ihm verdanke ich alles.


Photo by Lucas Myers / Unsplash

Als Christus hier auf der Erde war – ein Mensch von Fleisch und Blut – , hat er mit lautem Schreien und unter Tränen gebetet und zu dem gefleht, der ihn aus der Gewalt des Todes befreien konnte, und weil er sich seinem Willen in Ehrfurcht unterstellte, wurde sein Gebet erhört. Allerdings blieb es selbst ihm, dem Sohn Gottes, nicht erspart, durch Leiden zu lernen, was es bedeutet, gehorsam zu sein. Doch jetzt, wo er durch sein Leiden vollkommen gemacht ist, kann er die retten, die ihm gehorsam sind; ihm verdanken sie alle ihr ewiges Heil. Hebräer 5,7-9

Es ist so, wie der Mann mit dem Kaffee es ausdrückte: "Ist nicht ganz einfach, dieser Prozess." Wachstum schmerzt. Doch Stillstand ist keine Option. Es gibt nur einen Weg: Sich dem Schmerz stellen und Gott im Schmerz suchen. Ich habe mich neu dazu entschieden Gottes Gegenwart in jeder noch so schmerzhaften Situation wahrnehmen zu lernen. Ich will bewusst alles aus seiner liebevollen Hand nehmen. Oder wie es Gerhard Tersteegen ausdrückte:

Gott ist gegenwärtig.
Lasset uns anbeten
und in Ehrfurcht vor ihn treten.
Gott ist in der Mitte.
Alles in uns schweige
und sich innigst vor ihm beuge.

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