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Demut, Geduld und Toleranz

Emanuel Hunziker Emanuel Hunziker

Die Welt wandelt sich rasant. Was war im christlich geprägten Westen bis Mitte des 20. Jahrhunderts noch anders als heute? Wie gehen wir damit um?

Als Leiter einer Kirche bin ich in besonderer Weise herausgefordert, den Auftrag von Jesus für seine Nachfolger ernst zu nehmen und gewissenhaft auszuführen. Wie befreiend war der Moment, als ich verstand, dass Jesus nachzufolgen zuerst einmal bedeutet, nah bei Jesus zu sein.

Und er steigt auf den Berg und ruft zu sich, die er wollte. Und sie kamen zu ihm; und er berief zwölf, damit sie bei ihm seien und damit er sie aussende. (Markus 3,13-14)

Nähe zu Jesus

Bei Jesus sein, das klingt vielversprechend. Damit fängt alles an. Das ist die erste und wichtigste Berufung jedes Jesus-Nachfolgers. Die Sendung folgt dann in einem zweiten Schritt. Jesus sendet niemanden aus, der keine persönliche Verbindung zu ihm hat.

Nachfolge ist Bindung an Christus; weil Christus ist, darum muß Nachfolge sein. Eine Idee von Christus, ein Lehrsystem, eine allgemeine religiöse Erkenntnis von der Gnade oder Sündenvergebung macht Nachfolge nicht notwendig, ja schließt sie in Wahrheit aus, ist der Nachfolge feindlich. Zu einer Idee tritt man in ein Verhältnis der Erkenntnis, der Begeisterung, vielleicht auch der Verwirklichung, aber niemals der persönlichen gehorsamen Nachfolge. (Dietrich Bonhoeffer, Nachfolge, S.25, Kindle-Version)

Jesus nachfolgen. Bei ihm sein. In seiner Gegenwart leben. Ihn hören. Von ihm lernen. Von ihm leben. Er ist das Brot des Lebens. Er ist das Licht der Welt. Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Er ist die Tür. Er ist der gute Hirte, der sein Leben lässt für die Schafe. Er ist der Weinstock, wir sind die Reben. Ohne ihn können wir nichts tun. Ohne seinen Saft fehlt uns die Kraft. Ohne seine Kraft entsteht kein Traubensaft.

Wie Johannes an der Brust des Herrn liegen und ein vertrautes Gespräch führen. Auserwählt sein. Dazu gehören zum inneren Zirkel des Rabbis. Wer will das nicht? Und dann vom Gottessohn höchstpersönlich ordiniert und ausgesandt werden, welche Ehre! Wie sieht sein Auftrag für einen Kirchgemeinde-Leiter wie mich konkret aus? Folgende Formulierung finde ich treffend:

Die Aufgabe der Leiter einer Gemeinde besteht darin, das Evangelium so in die Lebenswelt der Menschen zu übertragen, dass sie seine Kraft erkennen können, die nicht in einem theologischen Gedankengebäude liegt, sondern das Leben grundlegend und anhaltend verändert. (Timothy Keller, Centre Church Deutsch, Seite 65)

Mit den Worten Bonhoeffers heisst das: Menschen in die Nachfolge von Jesus führen. Menschen nicht an sich selbst, sondern an Jesus binden. Nicht an eine Kirche. Nicht an ein System. Nicht an ein theologisches Gedankenkonstrukt sondern an eine reale Person. Wie das konkret aussieht, muss im Kontext jeder Zeitepoche und von jeder Generation aufs Neue durchdacht und angewendet werden.

Crosswalk on Santa Monica boulevard
Photo by Jack Finnigan / Unsplash

Andere Lebenswelt

Wie sieht das bei uns heute aus? Die Lebenswelt der Menschen im Westen ist so vielschichtig wie nie zuvor. Die Digitalisierung gibt Zugang zu diversen Informationsquellen. Das Angebot ist überwältigend. Die Auswahl scheint endlos. Warum sollte man sich da auf etwas festlegen? Es könnte ja noch etwas Besseres kommen. Man will ja nichts verpassen. Und so ziehen wir postmodernen Zeitgenossen im Kreisverkehr des Lebens unsere Runden und können uns nicht für die eine oder andere Ausfahrt entschliessen. Es könnte ja eine Sackgasse sein.

Das gilt auch für die eigene Spiritualität. Wir mixen uns unseren Glaubenscocktail nach eigenem Gutdünken zusammen. Je nachdem wie es grad sinnvoll erscheint. Das Rezept selbst verändert sich andauernd. Doch Hauptsache, es stimmt gerade für mich. Jetzt. Alles andere ist relativ.

Ein Weg - viele Wege

Es gibt nur einen Weg zum Vater: Jesus. Doch es gibt viele Wege zu Jesus. Das wird schon in den Evangelien deutlich. Darum gibt es auch nicht die einzig richtige Art und Weise, die frohe Botschaft zu verkünden. Jesus liess z.B. bei der nächtlichen Fragestunde mit dem Pharisäer Nikodemus grad von vornherein die Bombe platzen und sagte als Einstieg ins Gespräch:

Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen. (Johannes 3,3)

Bäm! Der Aufruf kommt doch sonst jeweils erst gegen Schluss, oder? Anscheinend konnte Jesus ihm das zumuten. Das konfrontierende Gespräch mit Jesus löste jedenfalls Gutes aus bei Nikodemus. Er verteidigt Jesus und spendete das teure, wohlriechende Öl für die Einbalsamierung seines Leichnahms.

Ganz anders bei der samaritischen Frau am Brunnen. Jesus fängt ein Gespräch mit ihr an, indem er sie um Wasser bittet und lenkt die Konversation dann feinfühlig Schritt für Schritt zum Finale, an dem er sich ihr als der versprochene Messias zu erkennen gibt.

Die Frau spricht zu ihm: Ich weiß, dass der Messias kommt, der Christus genannt wird; wenn jener kommt, wird er uns alles verkündigen. Jesus spricht zu ihr: Ich bin es, der mit dir redet. (Johannes 4,25-26)

Die Folge davon: Eine ganze Stadt kommt zum Glauben an Jesus! Ich kann mir gut vorstellen, dass Johannes diese beiden Begegnungen mit Jesus in seinem Evangelium bewusst hintereinander reihte, als wollte er damit sagen: Kein Mensch ist wie der andere. Aber Jesus ist zugänglich für alle.


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Vorwissen fehlt

Als Kirchenleiter im 21. Jahrhundert suche ich nach gangbaren Wegen, um die frohe Botschaft so in die Lebenswelt der Menschen zu übertragen, dass es ihr Leben grundlegend und anhaltend verändert. Zurückblicken kann helfen, doch Copy-Paste funktioniert nicht mehr. Die Welt wandelt sich rasant und so auch die Lebenswelt der Menschen.

Welche Auswirkungen hat dieser Wandel auf die Verkündigung der frohen Botschaft von Jesus Christus? Was war im christlich geprägten Westen bis Mitte des 20. Jahrhunderts noch anders als heute? Timothy Keller beschreibt es folgendermassen:

Christen konnten sich darauf verlassen, dass ihre Zuhörer genügend Vorwissen besassen, um die christliche Botschaft zu verstehen - eine Botschaft, die allgemein als glaubwürdig und positiv galt. Die Aufgabe lautete, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie persönlich Christus brauchten und durch die Kraft des Heiligen Geistes eine Entscheidung für Christus treffen mussten. (Timothy Keller, Centre Church Deutsch, Seite 179)

Das Vorwissen ist eine alles entscheidende Komponente bei jeder Verkündigung. Das lernen wir auch von Jesus. Wir müssen unser Gegenüber kennen, damit wir wissen, von was wir ausgehen können. Wenn sich die Zuhörerschaft einer Erweckungsveranstaltung in den 1970er Jahren zu 98% aus christlich sozialisierten Menschen zusammensetzte, bestand die Strategie des Redners primär darin, ihr Vorwissen auf eine Entscheidung für eine lebendige Beziehung mit Jesus Christus hin zu bündeln.

Die Erklärung des Evangeliums konnte recht schlicht gehalten werden: Die Betonung lag auf der Umkehr zum Glauben, ohne mit gewaltigem Aufwand zunächst über die Existenz und das Wesen des Gottes der Bibel und die christliche Weltsicht sprechen zu müssen. Ausserdem war es nicht allzu schwierig, Menschen in eine Gemeinde einzuladen, zumal die Zugehörigkeit zu einer Gemeinde als etwas Positives galt. (Timothy Keller, Centre Church Deutsch, Seite 179)

Gross-Evangelisationen, umrahmt von Musik und öffentlichem Aufruf zur Busse und Bekehrung liessen die Menschen in Scharen zur Bühne strömen, wie hier 1975 bei einer Predigt von Billy Graham.

Kein einheitliches Glaubenssystem

Würde eine solche Botschaft auch heute noch ziehen? Ich wage es zu bezweifeln. Nicht, weil die Botschaft veraltet wäre. Das Evangelium von Jesus ist aktueller denn je! Doch die Lebenswelt der Zuhörer ist heute eine andere als in den 70er Jahren. Wir leben in einer nachchristlichen Zeit. Das Vorwissen der Zuhörer, auf das Billy Graham in seiner Botschaft Bezug nehmen konnte, ist mittlerweile weitgehend abhanden gekommen. Denn ein paar Jahrzehnte später...

... sind in unseren heutigen pluralistischen Gesellschaften die wichtigen Institutionen des öffentlichen Lebens auf kein einheitliches Glaubenssystem ausgerichtet. Niemand erbt mehr seinen Glauben von seinen Vorfahren. Jeder wählt aktiv zwischen konkurrierenden Glaubens- und Weltanschauungssystemen und muss durch persönliche Ansprache davon überzeugt werden. (Timothy Keller, Centre Church Deutsch, Seite 69)

Die Plausibilität gebenden Strukturen unserer Gesellschaft haben sich komplett verändert. Sie stehen längst nicht mehr in direktem Bezug zur Kirche und dem christlichen Glauben an einen heiligen Gott. In den 1970er Jahren konnte man bei einem Gespräch davon ausgehen, dass der Gesprächspartner die grundlegenden christlichen Lehren kennt. Die Evangelisations-Strategien bauten auf dieses Vorwissen auf und es ging primär darum, schlafende Namenschristen zu "erwecken" und sie in eine lebendige Beziehung und Nachfolge zu Jesus Christus zu führen. Der sonntägliche Besuch einer Kirche gehörte automatisch mit dazu.

Morning light in lower Manhattan.
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Gegen das Christentum geimpft

Die nachchristliche, postmoderne Gesellschaft reagiert allergisch auf Wahrheits- und Autoritätsansprüche religiöser Institutionen wie der Kirche. Christentum? Das haben wir doch hinter uns! Wie nach einer Impfung haben die Menschen Antikörper gebildet, die sofort Alarm schlagen, wenn irgendetwas Christlich-Religiöses in ihrem Dunstkreis auftaucht. Die Lebenswelt hat sich markant gewandelt. Die Definitionen wurden neu definiert.

In den vierziger Jahren konnte ein Pastor zu einem Jugendlichen sagen: "Sei ein guter Junge!" und die allermeisten hätten gewusst, was er damit meinte. Seit Ende der siebziger Jahre würde man antworten: "Was meinst du denn mit 'gut'? Ich definiere 'gut' vielleicht ein bisschen anders. Was fällt dir ein, mir deine persönliche Meinung aufzudrücken?!" (Timothy Keller, Centre Church Deutsch, Seite 178-179)

Die Frage lautet also:

  • Wie können wir heute unseren Mitmenschen von Jesus erzählen?
  • Wie können wir den Auftrag heute ausführen, zu dem uns Jesus aussendet?

Auch wenn es heute vielleicht weniger zieht als noch vor 60 Jahren: Grossevangelisationen sind besser als ihr Ruf. Life on Stage z.B. setzt mit einer zeitgemässen Form bei dieser Strategie an. Anhand einer wahren Lebensgeschichte, die in Form eines professionell produzierten Musicals erzählt wird, bekommt der Besucher die lebensverändernde Kraft des Kreuzes vor Augen gemalt und wird zu einem Leben mit Jesus eingeladen.

Doch wie sieht es im Alltag aus? Nach welchen Leitlinien verhalten wir uns im Pausen-Gespräch am Arbeitsplatz? Wo setzen wir an? Auf was müssen wir besonders achten, um die frohe Botschaft von Jesus kontextualisiert und zeitgemäss zu vermitteln?

In einer zunehmend polarisierten Gesellschaft scheint der respektvolle Umgang mit Andersgläubigen und das gleichzeitige Festhalten an der Wahrheit des Evangeliums eine entmutigende, wenn nicht gar völlig unmögliche Aufgabe. (Leah MarieAnn Klett, Christian Post – Eigene Übersetzung)

Ein Gott der Liebe und Gnade kann bei einem postmodern denkenden Menschen einerseits Interesse wecken, weil die Idee von Nächstenliebe sich mit seinem humanistischen Menschenbild vereinbaren lässt. Im Angesicht von Leid und Ungerechtigkeit kann ein Gott, der anscheinend so etwas zulässt aber auch schnell wieder als unhaltbar abgelehnt werden. Hinsichtlich dieser kontroversen Ausgangslage ist schon manch einer beim Versuch, seinen Auftrag gewissenhaft auszuführen, vom Pferd gefallen. Das führt zu unterschiedlichen Strategien im Umgang damit:

Christen tendieren zu einer der folgenden Kategorien, wenn sie versuchen, das Evangelium auf die aktuell vorherrschende Kultur zu beziehen: (1) Sie dominieren und versuchen, die Überhand zu gewinnen; (2) sie wählen den Rückzug und das Fernbleiben von öffentlichen Diskursen, oder (3) sie versuchen sich zu sehr anzupassen, zu assimilieren und die Werte der Welt zu übernehmen.

Der Schlüssel ist die "treue Anwesenheit", was bedeutet, du bleibst dem Evangelium treu, machst keinerlei Kompromisse und bleibst erkennbar Christ, aber sonderst dich nicht von der Kultur ab. (Timothy Keller, Christian Post – eigene Übersetzung)

Treue Anwesenheit

Auch Jeremia schrieb dem Volk Israel in der Verbannung in Babel diese von Gott befohlene Strategie: Das Volk soll sich proaktiv in Babel engagieren, statt sich in ein frommes Ghetto zurückzuziehen und auf die Rückkehr in ihr Land zu warten:

So spricht der HERR, der allmächtige Gott Israels, zu allen Verbannten, die er von Jerusalem nach Babylonien wegführen ließ: Baut euch Häuser und wohnt darin! Legt Gärten an und erntet ihre Früchte! Heiratet und zeugt Kinder! Wählt für eure Söhne Frauen aus, und lasst eure Töchter heiraten, damit auch sie Kinder zur Welt bringen. Euer Volk soll wachsen und nicht kleiner werden. Bemüht euch um das Wohl der Stadt, in die ich euch wegführen ließ, und betet für sie. Wenn es ihr gut geht, wird es auch euch gut gehen. (Jeremia 29,4-7)

Gott verlangte 3 Dinge von seinem Volk:

  1. Sie sollen sich in Babel niederlassen und wohnen, statt sich zurückzuziehen und absondern.
  2. Der Kultur Babels sollen sie respektvoll widerstehen und ihre Werte nicht übernehmen.
  3. Ihre Mitmenschen sollen sie aufopfernd lieben und sich darum weder verachtend noch geringschätzig oder egoistisch in der Gesellschaft Babels involvieren.

Das war die von Gott angeordnete Strategie, um in einer heidnischen Kultur Salz und Licht sein zu können, ohne dass das Salz seine Wirkung verliert und das Licht unter den Scheffel gestellt werden muss. Wir brauchen Glaube, Hoffnung und Liebe, um diese Strategie umzusetzen.


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Demut, Geduld, Toleranz

Dr. Timothy Keller und Prof. John Inazu nennen drei Verhaltensweisen, die Anstand und Friede in einer zunehmend gespaltenen Gesellschaft ermöglichen: Geduld, Demut und Toleranz. Keller beschreibt Geduld als eine Funktion der christlichen Hoffnung, Demut als eine Funktion des christlichen Glaubens, und Toleranz als eine Funktion der christlichen Liebe.

Du kannst Demut leben, indem du die Grenzen dessen anerkennst, was du beweisen kannst. Insbesondere Christen sollten wissen, dass Glaube ein Geschenk Gottes ist und Argumente begrenzt bleiben. Wir werden durch Glaube gerettet, nicht durch Argumente. Demut bedeutet zu sagen: 'Ich kann dir nicht beweisen, was ich dir erzähle, weil so viel davon auf Glauben basiert.' (Timothy Keller, Christian Post – eigene Übersetzung)

Demut steht aber nicht etwa in einem Widerspruch zur christlichen Glaubensgewissheit. Demut anerkennt lediglich die vom Schöpfer definierten Grenzen an, die nicht weg argumentiert werden können, aber auch nicht müssen. Demut bedeutet aber nicht Minderwert. Der Demütige lotet seine Gott gegebenen Möglichkeiten voll aus und entfaltet sein Potential zur vollen Tragweite. Aber er gibt sich nicht grösser als er in Wahrheit ist. Der Demütige steht zu sich selbst, so wie Gott zu ihm steht. Ich glaube, wir müssen unser Verständnis von Demut gründlich auffrischen!

Geduld bedeutet, seinem Gegenüber verständnisvoll zuzuhören und gute Fragen zu stellen. Das ist eine Form der Hoffnung. Wir wissen, dass Gott am Ende triumphieren, Gerechtigkeit herstellen und jede Träne abwischen wird. Weil wir diese Hoffnung haben, können wir geduldig sein. (Timothy Keller, Christian Post – eigene Übersetzung)

Geduld, die sich aus lebendiger Hoffnung nährt, haben wir bitter nötig. Es geht nicht primär darum, dass wir "Erfolge" vorweisen können. Wir dürfen aus einer Ruhe, die in der ewigen Königsherrschaft von Jesus verankert ist, mit unseren Mitmenschen unterwegs sein und Nähe zulassen. So werden sie unweigerlich mit der Kraft und dem Saft des Weinstocks in Berührung kommen, die in und durch uns fliessen. Wo Jesus drin ist, kommt auch Jesus heraus! Wenn er fehlt, können wir sowieso einpacken. Ohne ihn können wir nichts tun. Ja, der HERR allein kann retten!

Toleranz bedeutet nicht, dass du deine Ansichten relativierst und dazu verpflichtet bist, der anderen Person zu sagen 'Du liegst nicht falsch' oder 'Du liegst teilweise richtig'. Ich kann sehr wohl sagen, 'Du liegst völlig falsch und deine Ansichten sind entsetzlich, bösartig und beleidigend,' und trotzdem tolerant sein.

Du zeigst Mitgefühl, weil du verstanden hast, dass diese Person ein Geschöpf Gottes ist und nicht nur eine Schachfigur oder jemand den du benutzen oder auf dem du herum trampeln kannst. Mein Gegenüber ist eine Person mit Wert und Würde. Meine Einsicht darüber, dass Gott uns alle erschaffen hat zeigt sich darin, dass ich sie liebe, auch wenn sie völlig falsch liegt. (Timothy Keller, Christian Post – eigene Übersetzung)

Zeiten ändern sich. Die Kirche hat ihre Monopolstellung in der westlichen Gesellschaft verloren. Die einen bedauern das. Die anderen sehen neue Chancen darin. Jedenfalls sind neue Strategien gefordert, den Auftrag von Jesus weiterhin gewissenhaft auszuführen. Die Botschaft bleibt dieselbe. Sie ist zeitlos und stets lebendig, dynamisch und kraftvoll. In der Nachfolge Jesu lernen wir vor allem ihn immer besser kennen und dadurch auch uns selbst. So begegnen wir auch unseren Mitmenschen anders.

»Liebe den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen, mit ganzem Willen und mit aller deiner Kraft und deinem ganzen Verstand! Und: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!« (Lukas 10,27)

Dieses höchste Gebot beschreibt nicht nur die Lösung des Problems der Menschheit, sondern auch das Problem selbst. Ja, wir können unsere Mitmenschen eben nur in dem Masse lieben WIE wir uns selbst lieben. Und weil wir mit uns selbst nicht versöhnt sind, legen wir uns mit unseren Mitmenschen an. Wir projizieren unser eigenes Manko – die Trennung von Gott – auf unsere Mitmenschen. Ein Teufelskreislauf. Darum kommen wir nie und niemals an der Nachfolge Jesu vorbei. Er ist der Retter der Welt. Er kann dich und mich erlösen. Nah bei ihm sein. Darum gehts. Darauf läuft's hinaus. Dahin dürfen wir auch andere führen. Auf Gott hoffend und darum geduldig. Gott glaubend und deshalb demütig. Gott liebend und darum tolerant. Jesus ist nahbar. Gestern, heute und morgen.


Dieser Blog-Artikel durfte ich Ende Mai 2020 unter dem Titel "Wie sollen wir heute über Jesus reden?" erstmalig auf dem Daniel-Option Blog veröffentlichen.

Demut, Geduld und Toleranz
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