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Aus Geschichte lernen, Teil 1: Wenn niemand mehr lebt, der sich erinnert

Lukas Lukas

«Kann man aus Geschichte lernen?», werde ich nicht selten gefragt, während die Spanische Grippe und die Rassentrennung der USA im Jahre 2020 aus ihrem Grab zu springen scheinen. In Deutschland erheben sich Stimmen, dass Hitler gar nicht so schlimm gewesen sei, und Grossmächte sticheln sich mit provokanten Militärmanövern an. «Man kann», antworte ich, «und das entscheidet auch über Leben und Tod.»

«Es ist nicht unsere Schuld, was damals passiert ist», lese ich unter einem Youtube-Video zum Zweiten Weltkrieg. «Mein Grossvater war einfach ein Soldat, der seine Pflicht erfüllt hat», steht als Kommentar darunter. Die junge Generation in Deutschland, die den Weltkrieg nur noch vom Hörensagen kennt, ist nicht mehr bereit, sich mit den Menschen jener Zeit zu identifizieren. «Ihr seid nicht schuld an dem, was war, aber verantwortlich dafür, dass es nicht mehr geschieht», entgegnet der Holocaust-Überlebende Max Mannheimer (1920-2016), der in vielen Schulen Deutschlands seine Geschichte erzählte. Doch wie kann man für die Entwicklung der Geschichte Verantwortung übernehmen, wie kann man Geschichte richtig anwenden?


Holocaust Memorial in Berlin. Foto von Michael Fousert / Unsplash

Die Lehre des Lernens gibt darauf eine Antwort: Wer anwenden will, muss verstehen. Wer verstehen will, muss sich erinnern können. Diese Stufen sind abhängig voneinander und in dieser Textserie zeige ich dir, warum sie so wichtig sind.

Aus Geschichte lernen, heisst:

  1. Sich an Geschichte erinnern
  2. Geschichte verstehen
  3. Geschichte anwenden

Die meisten Menschen scheitern bei der ersten Stufe: Sich an Geschichte erinnern.

Der Letzte macht das Licht aus

«Vieles was einst war, ist verloren, da niemand mehr lebt, der sich erinnert.» So startet der Film «Der Herr der Ringe» und greift damit gleich einen zentralen Konflikt aus J.R.R. Tolkiens Fantasy-Universum auf: Die brüderliche Allianz, die gegen das Böse gekämpft hat, ist aufgegeben, weil das Böse in Vergessenheit geraten ist. Das Böse hat sich nur lange genug verstecken müssen – im Roman sind es rund 2000 Jahre –, bis es zur Legende wurde, und so konnte es wieder wachsen, ohne ernst genommen zu werden.

Dieses Prinzip ist auch im realen Leben anwendbar. 2011 ist mit dem Briten Claude Stanley Choules der letzte Mensch gestorben, der aktiv als Soldat am 1. Weltkrieg teilgenommen hat, die jüngsten Veteranen aus dem 2. Weltkrieg werden dieses Jahr 90. Bald werden die Weltkriege nur noch eine einzige Erinnerung sein, die dem Vergessen ausgeliefert sein wird. Das Vergessen ist ein grosser Feind des Menschen, weil die Brille der Gegenwart einem Röhrenblick gleichkommt.

German prisoners in 1917
Deutsche Kriegsgefangene im Jahre 1917. Foto von The New York Public Library / Unsplash

Daher ist eine Institution wie die EU, die als Reaktion auf den Zweiten Weltkrieg gegründet wurde, um die erneute Aggression eines europäischen Staats zu verhindern, im Jahre 2020 nicht mehr unantastbar und wirkt wie ein Klotz am Bein der Länder. Doch Menschenrechte und Frieden sind keine physikalischen Gesetze, die wir als selbstverständlich annehmen dürfen. Wer Geschichte vergisst, vergisst den Grund, warum die Gegenwart ist, wie sie ist. Und die Selbstverständlichkeit der Gegenwart schafft keinen Antrieb, für eine gute Zukunft zu kämpfen.

War veteran cemetery
Photo by Neil Thomas / Unsplash

Natürlich gibt es Methoden, dem Vergessen entgegenzutreten. Der meist gewählte Ansatz ist das aktive Erinnern und Gedenken. Im Kontext der Weltkriege sind Friedhöfe prächtig geziert, Gedenktage eingerichtet, der Lehrplan entsprechend angepasst und viele Hollywoodfilme gedreht worden. Das muss weitergehen.
«Gut und recht», wirst du dich fragen, «aber was hat das mit meinem Leben zu tun?»

Das Leben als Andenken

Geschichte beschränkt sich nicht nur auf grosse Begriffe wie «Gesellschaft». Jeder von uns hat seine persönliche Geschichte. Das aktive Erinnern und Gedenken ist eine wichtige Übung des Einzelnen, um Dankbarkeit und eine Sicht für die Gesellschaft, aber auch für das persönliche Leben zu gewinnen.
Die Erinnerung respektive die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte ist wichtig, um in der Gegenwart die richtigen Entscheidungen zu treffen. Jeder hat mit seiner Geschichte ein Erbe bekommen, ob zum Vorteil oder Nachteil, welches sich auf seine Gegenwart auswirkt. Die Quellen dieses Erbes könnten nicht unterschiedlicher sein: Die Familiengeschichte, und damit verbunden die Kindheit, gilt in der Entwicklungspsychologie als entscheidende Phase für die Wertebildung eines Menschen. Auch die Jugendzeit gilt als prägend für den Lebenswandel – ob in Niederlagen oder Siegen, ob in Trauer oder Freude. Teilweise vergisst der Mensch diese Prägungen und funktioniert nur noch unbewusst nach seiner Geschichte. In anderen Fällen ist ihm die Geschichte voll bewusst.


Photo by John Banks / Unsplash

Ein deutliches Beispiel sind Soldaten, die Krieg gesehen haben. Dieses Erlebnis hinterlässt Spuren, die fast nicht mehr wegzudenken sind und Individuen formen. Der negative Aspekt dieses Erbes sind die traumatischen Erfahrungen, welche den Soldaten in seiner Lebensführung einschränken werden. In diesem Fall ist die Aufarbeitung dieser Erlebnisse wichtig. Doch es gibt in nicht wenigen Fällen auch positive Aspekte: Wer sein Leben einem Kameraden verdankt, der im Krieg gefallen ist, wird fortan in Andenken und in der Dankbarkeit dieses Opfers sein Leben führen – damit der Tod seines Kameraden nicht umsonst gewesen ist. Diesen Tod zu vergessen, wäre eine Beleidigung des Kameraden. Es ist eine besondere Form von Erinnerung, die auch mein Leben geprägt hat.

Euangelion ist das griechische Wort für «Siegesbotschaft» und meinte ursprünglich die Meldung des Boten, dass das Heer die Schlacht gewonnen hat. Die Evangelien der Bibel wurden so genannt, weil sie dasselbe darstellen sollen; eine unglaublich gute Nachricht, eine Siegesbotschaft: Gottes Sohn ist Mensch geworden und gestorben, um aus Liebe die Menschen mit Gott zu versöhnen und ihnen ewiges Leben zu schenken. Bewiesen hat er das durch seine Auferstehung. Ich glaube daran, dass dies vor 2000 Jahren real auf dieser Erde passiert ist und möchte mein Leben auf diesem Ereignis gründen. Der Fokus auf einen Lebensstil in der Erinnerung, und eben nicht auf eine Morallehre, ist ein Alleinstellungsmerkmal des christlichen Glaubens. Christen nehmen deswegen das Abendmahl, wie es Jesus angeordnet hat:

«Der Herr Jesus nahm in der Nacht, in der er überliefert wurde, Brot und, als er gedankt hatte, brach es und sprach: Dies ist mein Leib, der für euch ist; dies tut zu meinem Gedächtnis!» 1. Korinther 11, 23b-24

Schon das Alte Testament ist voll mit diesen Gedenkübungen. Beispielsweise dient das Passahfest dazu, die Israeliten daran zu erinnern, dass Gott sie aus der Sklaverei aus Ägypten geführt hat – die Israeliten sollten sich an Ihre Freiheit erinnern. Doch auch sonst ist die Erinnerung an die Taten Gottes, respektive der Kampf gegen das Vergessen ein ständiges Thema in der biblischen Heilsgeschichte, was das Volk Israel immer wieder in Bedrängnis bringt.

Good news is coming
Photo by Jon Tyson / Unsplash

Zusammengefasst, ob du Christ bist oder nicht: Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte wird Freude und Leid zugleich offenbaren. Sich ihrer bewusst zu sein, ist der erste Schritt in ein Leben, das aus der Vergangenheit lernen kann.

Die erste Stufe – sich an Geschichte erinnern – ist also erreicht. Der Zweite Weltkrieg ist zum Glück noch immer in der kollektiven Erinnerung verankert, und das ist gut so. Doch die Wirkkraft der Erinnerung lässt mit jedem Jahr, mit dem sich der Krieg jährt, nach. Denn das Erinnern alleine reicht nicht. Wenn wir Geschichte anwenden wollen, müssen wir sie verstehen. Das gilt auch für die Botschaft von Jesus Christus. Viele erinnern sich an Geschichte, doch beachten sie nicht, weil sie glauben, die Menschheit entwickle sich weiter. Nichts könnte irrführender sein. Doch davon und von anderen «Geschichtsverständnissen» im nächsten Teil.

Aus Geschichte lernen, Teil 1: Wenn niemand mehr lebt, der sich erinnert
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