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Aus Geschichte lernen, Teil 2: Ist sie himmlisch oder höllisch?

Lukas Lukas

Gabi ist keine Historikerin und doch tritt sie täglich in diese Rolle. «Mama, warum gab es im Mittelalter keine Autos?», fragt ihr Sohn Sandro. «Weil die Leute halt noch nicht so intelligent waren wie wir», antwortet seine Mutter. Was Gabi nicht weiss: Sie interpretiert nicht nur Geschichte, sondern prägt das Weltverständnis ihres Kindes fundamental.

Die Serie zur Frage «Wie lernen wir aus Geschichte?» ist dreiteilig, weil dieses «Lernen» aus drei Stufen besteht:

  1. Sich an Geschichte erinnern
  2. Geschichte verstehen
  3. Geschichte anwenden

Der letzte Beitrag hat die Wichtigkeit des Erinnerns für das historische Lernen herausgestrichen. In diesem Artikel zeige ich, dass nur Menschen aus der Vergangenheit lernen, welche die Geschichte zu verstehen versuchen, ohne sie zu vergöttern oder zu verteufeln.

Der Mensch hat eine Geschichte, also ist er?

«Das waren noch echte Männer!», steht unter dem Bild von einem Soldaten des Zweiten Weltkriegs, das auf Facebook im Umlauf ist. Natürlich impliziert das Bild, dass «diese» Männer – was auch immer damit gemeint ist – in der heutigen Zeit nicht mehr existieren. Begründung: Mit der Menschheit gehe es bergab, es werde immer schlimmer. Für Leute, die so denken, ist die Vergangenheit ein Ort der Orientierung und zu ihr zurückzukehren ist ein Weg zum «Heil».

Group Portrait at the Beach, Tel Aviv, Israel, Sister Isabel Erskine Plante, World War II, circa 1942
Photo by Museums Victoria / Unsplash

Das Gegenteil gibt es auch: «Wie konnte man so etwas nur zulassen?», kommentiert jemand unter einem Video, dass sich mit den harten Bedingungen der Arbeiterschaft in der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert beschäftigt. Dieser Spruch impliziert, dass «man» das heute nicht mehr zulässt. Begründung: Mit der Menschheit geht es bergauf, sie wird immer besser. Für diese Leute ist die Vergangenheit ein Ort des Schreckens, dem sie zum Glück entflohen sind. Der Weg zum «Heil» liegt darin, auf jeden Fall das Gegenteilige von dem zu tun, was die Vergangenheit geprägt hat.

Beide Ansätze, sowohl die Vergötterung der Vergangenheit als auch die Verteuflung, beurteilen Geschichte und bringen gleichzeitig zum Ausdruck, welche persönliche Haltung jemand zur eigenen Zeit und Gruppe entgegenbringt. Doch stimmen diese Beurteilungen der Vergangenheit und der Gegenwart auch wirklich? Ich behaupte: Wer Geschichte vergöttert oder verteufelt, wird die Vergangenheit nie richtig verstehen.

Nicht alles war besser, …

In der Schweiz gibt es Menschen, die sich «Eidgenossen» nennen, um auf ihren Stammbaum zu verweisen, der fest mit der Geschichte der Alten Eidgenossenschaft verwurzelt ist – «da war die Welt noch in Ordnung». Gleichzeitig will man sich damit von Menschen abgrenzen, die sich zwar mit dem Schweizer Bürgerrecht zu Recht Schweizer nennen, doch aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Namens oder Akzents aus der Sicht der «Eidgenossen» nicht zu den «wahren» Schweizern gehören. Diese positive Beurteilung der eigenen Vergangenheit lenkt ab von dem Fakt, dass die meisten «Eidgenossen» vor der Gründung der heutigen Schweiz 1848 Untertanen von Herren waren, also nicht dieselben Rechte und Privilegien genossen wie ein heutiger Schweizer.

The best defenses are mountains
Photo by Artiom Vallat / Unsplash

«Eidgenosse» zu sein war für die meisten Menschen in diesen Ländern kein Stolz oder Vorrecht, im Gegenteil: Bei den Eidgenossen hatte nur eine bestimmte Gruppe von Leuten in den Städten und Orten Privilegien, die Bevölkerung erlebte oft Unterdrückung und Willkür – nicht vergleichbar mit den heutigen Problemchen der Schweizer Bevölkerung. Dasselbe Recht, ein Schweizer Bürger zu sein, das die meisten Eidgenossen damals «unverdient» erhalten haben, wird heute anderen missgönt, die es sich sogar erarbeiten wollen.
Wer die Vergangenheit vergöttert, wird über die negativen Seiten der Geschichte hinwegsehen und in einer falschen Selbst- und Fremdwahrnehmung verharren.

… nicht alles war schlechter.

«Im Mittelalter haben die Menschen geglaubt, die Erde sei flach.» Falsch! Dass die Erde rund ist, haben die Menschen damals schon lange gewusst. Diese Geschichte wurde im 19. Jahrhundert ausgedacht, um sich von der «dunklen Zeit» des Christentums abzugrenzen. Es ist nur ein Beispiel dafür, wie seit der Aufklärungszeit vor 200 Jahren der Glaube an den Fortschritt der Menschheit sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat. Nach dem Erlebnis des Zweiten Weltkriegs hätte man meinen können, der Glaube an den Fortschritt des Menschen sei nicht mehr haltbar – Fehlanzeige! Zur Prüfungsfrage «Was hat die Zeit der Aufklärung bewirkt?», erhalte ich von den meisten Schülerinnen und Schüler eine Antwort, die etwa so beginnt: «Wegen der Aufklärung haben die Menschen endlich angefangen, fortschrittlich zu denken…», obwohl ich im Unterricht versucht habe, die negativen Entwicklungen der Aufklärung zu erklären. Der Glaube an den technischen, gesellschaftlichen und moralischen Fortschritt ist in unserer Gesellschaft eine heilige Doktrin und wird mantrahaft mit der Phrase gefestigt «Wie kann man im 21. Jahrhundert noch so etwas machen/sagen/glauben?»


Photo by Mateus Campos Felipe / Unsplash

Das Schlechtmachen von Geschichte bis zur Verteufelung der Vergangenheit ist gefährlich. Wer die Nazis verteufelt, macht sie mysteriös – denn der Teufel ist etwas Mysteriöses – und Mysteriöses ist anziehend. Adolf Hitler war aber ein Mensch und seine Taten menschlich, wie böse sie auch waren– ein Fakt, den heute viele nicht wahrhaben wollen. Wenn wir die Nazis nicht als handelnde Menschen betrachten, entziehen wir der Generation von heute die Möglichkeit, das Geschehene rational zu verstehen und darauf entsprechend zu reagieren. Stattessen wird sie das Vergange als etwas Mysteriöses ansehen, und sich auf die gleiche Weise auf das Gedankengut einlassen. Nationalsozialismus ist keine Dämonie, keine Zauberei, keine Verführung – sondern eine begründbare – wenn auch böse – Entwicklung von menschlichen Entscheidungen. Es ist die grosse Enttäuschung der Aufklärung, die geglaubt hat, der Mensch sei gut, wenn er nur seinen Verstand gebrauche. Wenn wir keine neue Verbreitung des rechtextremen Gedankenguts wollen, müssen wir die Mauern sprengen, die wir zwischen den «Teufeln» und uns errichtet haben.

Der Drang nach dem Himmel

Natürlich sind diese Gedanken auch auf das persönliche Leben anwendbar. Solange du deine Geschichte vergötterst, wirst du dich ihr hingeben und nie verstehen, dass sie auch problematisch war und du für das Heute dankbar sein kannst. Wenn du deine Vergangenheit verteufelst, wirst du die vielen guten Dinge übersehen und keine Barmherzigkeit haben mit ihr.

We pulled out some of the old photo albums from my family, and loved seeing my kids look through them. Photos are timeless and the thing that we can pass through generations to tell our stories.
Photo by Laura Fuhrman / Unsplash

Wo ein Himmel ist, ist auch eine Hölle. Wenn du etwas vergötterst, wird es auch etwas geben, das diesem entgegengesetzt ist. Der Mensch hat den Drang und den Hang dazu, etwas zu seinem Himmel zu machen, um sowohl Sicherheit als auch Identität daraus zu gewinnen. Die Geschichte oder die Gegenwart sind zwei Möglichkeiten eines solchen Himmels. Die Konsequenz davon ist, dass man das andere verteufeln muss.

Als Christ bin ich davon überzeugt, dass der Mensch nur einen Gott verehren kann, der nicht bewirkt, dass der Mensch diejenigen verteufelt, die er eigentlich lieben sollte. Wer jemanden unabhängig von seinen Taten lieben kann, ist bereit, seine Geschichte nachzuvollziehen.

Soviel zum Verstehen von Geschichte. Doch das Verstehen reicht nicht aus. Wer aus Geschichte lernen will, muss sie anwenden. Wie geht denn das? Davon nächste Woche mehr.

Aus Geschichte lernen, Teil 2: Ist sie himmlisch oder höllisch?
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