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Aus Geschichte lernen, Teil 3 – Der Zweifel als Mittler

Lukas Lukas

Wenn Statuen gefällt und Süssigkeiten umbenannt werden, wird Geschichte zum Tagesgeschäft. Menschen prallen mit ihren Meinungen aufeinander und nicht selten sind sie historisch begründet. Wer hat recht?

Die Serie zur Frage «Wie lernen wir aus Geschichte?» ist dreiteilig, weil dieses «Lernen» aus drei Stufen besteht:

  1. Sich an Geschichte erinnern
  2. Geschichte verstehen
  3. Geschichte anwenden

Der letzte Beitrag hat die Bedeutung des historischen Verstehens herausgestrichen. Doch viele scheinen trotz ihres historischen Verständnisses nicht aus Geschichte zu lernen, weil sie Geschichte nicht anwenden können, was heisst: Geschichte scheint nichts zu bringen und «das Negative» der Geschichte scheint sich zu wiederholen. In diesem letzten Artikel der Serie zeige ich, dass nur diejenigen Geschichte anwenden können, welche in den Ereignissen des Lebens «beide Seiten der Münze» erkennen.


Photo by Claudio Schwarz | @purzlbaum / Unsplash

Geschichte anwenden wie eine App auf dem Smartphone – geht das? Ein Beispiel: Napoleon hatte den Russlandfeldzug im Winter durchgeführt und ist deswegen gescheitert. Heisst das, dass ich an kalten Tagen meine Herausforderungen nicht in Angriff nehmen soll? Gerade wenn wir auf die grossen Männer und Frauen der Geschichte schauen, kommt das Gefühl auf, dass «Geschichte anwenden» zu abstrakt und nichts für uns ist, da wir ja nicht zu den «Grossen» gehören. Wir vergessen dabei, dass jeder von uns ein historisches Wesen ist, ein Individuum mit einer persönlichen Geschichte, die sein Handeln beeinflusst. Und auch zu vielen Tagesthemen der Gesellschaft können wir beeinflussend Stellung beziehen, indem wir Geschichte kennen und verstanden haben – nehmen wir zwei aktuelle Debatten als Beispiel.

Historisch aufgeladene Streitigkeiten

In Bristol haben Protestierende jüngst die Statue des ehemaligen Sklavenhändlers Eduard Colston umgestossen. Erhalten hat der Mann dieses Denkmal für seine grosszügigen Investitionen in den Ort Bristol. Winston Churchills Statue in London wurde verschmiert, weil er zu Lebzeiten immer wieder rassistische Äusserungen gemacht hatte. Erhalten hat er das Denkmal, weil er Grossbritannien durch den Zweiten Weltkrieg führte und als grosser Staatsmann gilt. Einige wollen Schluss machen damit, über die menschenverachtenden Züge dieser Akteure der Geschichte hinwegzusehen. Die anderen fordern Respekt vor diesen Individuen und ihren Verdiensten, unabhängig von ihrem rassistischen Verhalten oder entsprechenden Äusserungen. Ist das Entfernen dieser Statuen oder die Erinnerung an sie gerechtfertigt?


Photo by Arthur Osipyan / Unsplash

Szenenwechsel in die Schweiz: Das letzte Stündchen des Mohrenkopfs hat geschlagen. Im Internet und in Zeitungen entzünden sich hitzige Debatten. Die einen verweisen auf die verächtliche Geschichte des Begriffs und der damit verbundenen Diskreditierung dunkelhäutiger Menschen. Die anderen sagen, dass der Mohrenkopf eine geliebte Tradition sei, der Begriff sich auf den Heiligen Mauritius beziehe und deswegen keinesfalls rassistisch sei. Ist eine Umbenennung oder der Erhalt der Tradition gerechtfertigt?

You, yes you.
Photo by Maciej Gerszewski / Unsplash

Das Unverständnis für die Position der gegnerischen Seite ist in beiden Beispielen gross und in beiden spielt Geschichte eine grosse Rolle. Sich selber in diese Diskussion einzumischen, fordert die eine oder andere Position und einen Standpunkt zur Geschichte. Solche Situationen kennen wir auch aus unserem Alltag. Wie können wir diesen begegnen?

Die Notwendigkeit der Zweifel

Natürlich werde ich keine politischen Empfehlungen oder meine Meinung dazu abgeben. Doch ich weiss, dass zur Lösung dieser Fragen Verständigung und Verständnis notwendig sind.
Das zentrale Werkzeug zur Anwendung von Geschichte ist das Zweifeln an den Beurteilungen der Gegenwart. Wenn wir Geschichte verstehen, sei es unsere gemeinsame oder unsere eigene, sind wir in der Lage, unsere festgefahrenen Standpunkte zu hinterfragen und die Meinung des anderen zu verstehen, vielleicht sogar zu übernehmen. Man könnte sagen: Wir haben bemerkt, dass die Münze auch noch eine zweite Seite hat, wir sehen beide Seiten einer Münze. Mit dem Zweifel durch Geschichte gewinnen wir einen schärferen Blick für unsere eigenen Entscheidungen und tragen auch in öffentlichen Debatten dazu bei, dass Verständigung und Konsens stattfinden können. Das erfordert Demut und zeigt auch eine Ausweglosigkeit, was das menschliche Handeln anbelangt – es wird schwerer fallen, sich auf eine Seite zu schlagen.

Lady Justice.
Photo by Tingey Injury Law Firm / Unsplash

Ein aktuelles Bespiel hierzu ist für mich die Betrachtung der Proteste gegen den Rassismus in den USA nach dem Tod von George Floyd. Einerseits sehe ich den tiefen Wunsch der Protestierenden nach Gerechtigkeit für die farbige Bevölkerung der USA, nachdem die Rede des Reformators Martin Luther King, "I have a dream", nach 45 Jahren noch immer nicht in Erfüllung gegangen ist. Die heutige Bewegung ist sogar bereit, für Veränderung das Land mit Gewalt auf den Kopf zu stellen und stellt gleichzeitig die Gewaltbereitschaft der amerikanischen Polizei bloss. Andererseits schaffen die Proteste mit den Krawallen neue Ungerechtigkeiten und hinterfragen die schützende Funktion der Polizei grundsätzlich.
Anstatt mich auf die eine oder andere Seite zu schlagen, habe in einer Übersicht zusammengestellt, wie problematisch die Lösungswege zur Umformung bestehender Gesellschaftsstrukturen aus historischer Sicht sind. Ich möchte damit zeigen, wie knifflig Entscheidungen sein können.

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Aus meiner Sicht haben die Proteste in den USA in ihrer Natur Revolutionscharakter, weil die Reformen seit Martin Luther King nicht zufriedenstellend gefruchtet haben. Natürlich liegt in meinem Herz der Wunsch nach Legalität und kritisiere ich die Protestbewegung dafür, doch gleichzeitig zweifle ich an meiner Ansicht, weil ich weiss, dass sich Systeme ohne einen "Ruck" nur träge bewegen, wenn Gerechtigkeit stattfinden soll. Der Königsweg wäre ein Mix aus beiden Wegen, doch das fordert viel Verständnis der Streitparteien für die Sicht der anderen. Wenn ich jedoch die Positionen beider Seiten mithilfe meines Geschichtsverständnisses verstehe, kann ich mit den Parteien vielleicht an einen Tisch sitzen und ein Vermittler sein.

Gott gebraucht Geschichte

Wenn wir es schaffen, diese analytische Distanz zu heutigen Ereignissen zu gewinnen, werden wir zwar die unangenehme Erfahrung machen, dass menschliches Handeln immer nur Stückwerk und pessimistisch ausgedrückt ausweglos ist. Irgendjemand kommt immer zu Schaden und wir müssen lernen, die eigene Geschichte und die Geschichte anderer miteinzubeziehen in Entscheidungen. Doch die Sensibilisierung auf diese Faktoren bewirkt ein Zugang zu Menschen, der höchst erfreuliche Folgen haben kann.

In my profession a lot of people ask me where I am coming from. If I have time I explain them that I come originally from that place we call Spain, but that I don’t feel Spanish, I just feel a citizen of the world, a person, a human being… that I don’t see nationalities, I see people, and that the people that are trying to do “good” in this world they are my brothers, no matter where they are coming from. We are just a humanity, and any other category is limiting for starting to think about commonwealth and peace.  Ying yang, the unity.
Photo by Aarón Blanco Tejedor / Unsplash

Ganz persönlich: Wie oft handeln wir aus der Prägung der Vergangenheit, wie oft beurteilen wir Menschen nach ihrer oder unserer Vergangenheit? Wenn wir uns moralisch überlegen fühlen, haben wir unsere persönliche Geschichte nicht verstanden. Wir müssen immer wieder an unserer und der Lebenseinstellung anderer aufgrund der Geschichte zweifeln.
Gott kann Geschichte brauchen, um uns zu demütigen. Vielleicht haben wir in der Vergangenheit besonders viel Gnade gebraucht und sind deswegen auch mit den Taten unseren Mitmenschen gnädiger. Oder vielleicht ist uns viel Leid widerfahren und wir reagieren sensibel auf ungerechte Verhaltensweisen anderer. Es geht bei Gottes Demütigung durch Geschichte nicht darum, dass wir uns klein und unbedeutend fühlen, sondern barmherziger und gleichzeitig rechtschaffener mit unseren Nächsten umgehen. Für den New Yorker Pastor Timothey Keller sind deshalb Zweifel am eigenen Lebensmodell auch der wichtigste Schritt, um in der Diskussion über Gott einen Zugang zu gewinnen für die gegenüberliegende Seite – sei es als Christ gegenüber einem Skeptiker, sei es als Skeptiker gegenüber einem Christen:

So werden aus Feinden, die sich nur wüst beschimpft haben, Gesprächspartner, die begründet verschiedener Meinung sein können. Das geht dann, wenn jeder gelernt hat, die Position der anderen in ihrer stärksten und positivsten Form darzustellen. Erst dann verfügt sie über die nötige Gelassenheit und Fairness, sie zu kritisieren. So entsteht eine Atmosphäre der Höflichkeit in einer pluralistischen Gesellschaft, was kein kleiner Erfolg ist.

Timothey Keller, in: Warum Gott? Vernünftiger Glaube oder Irrlicht der Menschheit?, S. 22.

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