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Geduld

Emanuel Hunziker Emanuel Hunziker

"Geduld bringt Rosen", "Eile mit Weile" und "In der Ruhe liegt die Kraft" sind bekannte Redewendungen. Doch was genau bedeutet Geduld?

"Gut Ding braucht Weile", "Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut", "Steter Tropfen höhlt den Stein" und "Was lange währt, wird endlich gut". Diese Redewendungen kommen dann zum Zug, wenn man sich oder anderen vor Augen führen möchte, dass man sich genug Zeit nehmen sollte, um erfolgreich zum Ziel zu kommen.

«Wie lange noch?», fragte ich meinen Vater, während wir auf der Autobahn in Richtung Tessin unterwegs waren. «Noch ca. zwei Stunden!», war seine Antwort. Für mich als Kind damals fühlten sich zwei Stunden wie zwei Jahre an. So versuchte ich mich mit Kassetten hören abzulenken und ich spielte mit meinen drei Geschwistern ein paar Runden «Ich sehe etwas, das du nicht siehst, und es ist rot!». Die anderen durften dann raten, was ich meine. Ab und an gerieten wir auch in Streit miteinander. Meine Ungeduld entlud sich in heftigen Zankereien um Kleinigkeiten mit meinen Geschwistern. Und dann endlich nach langem Warten kamen wir endlich bei unserer Ferienwohnung an und auf uns wartete eine entspannte und heitere Ferienzeit als Familie in der südlichen Schweiz. Die Frage: «Wie lange noch?», und wie wir die Zeit damit verbringen, bis das Warten ein Ende hat, das sind Lebensthemen.

Dranbleiben

«Es ist eine wahre Geduldsprobe!», sagte mir kürzlich jemand. «Eine gute Freundin von mir ist auf einer spirituellen Reise und sucht nach Sinn und Wahrheit. Sie ist offen für alles Mögliche und stellt mir immer wieder gute und tiefe Lebensfragen. Sie kam auch schon an eine Veranstaltung für Frauen in unserer Kirche und war begeistert. Doch irgendwie gelang der Durchbruch zu einem lebendigen Glauben an Jesus bisher nicht. Was soll ich bloss machen?». Ich antwortete: «Ich glaube, es braucht Demut, Toleranz und Geduld. Bleib weiter dran und vertrau auf Gott.»

Dieses Erlebnis ist kein Einzelfall. Wir postmodern geprägten Menschen gelten ja als spirituell offen und empfänglich. Doch wir tun uns schwer dabei, uns festzulegen. Warum auch? Absolute Wahrheit riecht verdächtig. Und auch wenn die Antworten des christlichen Glaubens schlüssig klingen und das Leben meines christlichen Mitmenschen authentisch wirkt: Festlegen ist gefährlich. Es könnte ja eine Sackgasse sein. Es könnte ja noch etwas Besseres kommen. Man will ja nichts verpassen. Und so mixen wir uns unseren Glaubenscocktail nach eigenem Gutdünken zusammen. Je nachdem, wie es grad sinnvoll erscheint. Das Rezept selbst verändert sich andauernd. Doch Hauptsache, es stimmt gerade für mich. Jetzt. Alles andere ist relativ.

Da stellt sich die Frage: «Lohnt es sich überhaupt dranzubleiben?». Wann hat das Warten auf einen Durchbruch hin zu einem lebendigen Glauben an Jesus Christus bei meinem suchenden Mitmenschen ein Ende? Es ist offensichtlich. Wir brauchen Geduld!

Geduld bedeutet, seinem Gegenüber verständnisvoll zuzuhören und gute Fragen zu stellen. Das ist eine Form der Hoffnung. Wir wissen, dass Gott am Ende triumphieren, Gerechtigkeit herstellen und jede Träne abwischen wird. Weil wir diese Hoffnung haben, können wir geduldig sein. -Timothy Keller

Von Gottes Geist gewirkt

Tim Keller beschreibt Geduld als eine Form der Hoffnung, eine Funktion von Hoffnung. Geduld entsteht nicht einfach von selbst. Paulus beschreibt Geduld als Frucht, die der Heilige Geist in uns hervorbringt.

Die Frucht hingegen, die der Geist Gottes hervorbringt, besteht in Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Rücksichtnahme und Selbstbeherrschung. Galater 5,22–23

Unsere eigene, menschliche Natur hingegen bringt das Gegenteil hervor:

Feindseligkeiten, Streit, Eifersucht, Wutausbrüche, Rechthaberei, Zerwürfnisse, Spaltungen, Neid. Galater 5,20

Die Welt hat schon genug davon. Dieses Unkraut entsteht durch die Selbstsucht unserer sündigen Natur und ist uns weder beim Weitergeben der frohen Botschaft, noch sonst irgendwie dienlich.

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Durchhaltevermögen

Im Kontext von Jakobus 5,7–11 wird Geduld als Ausdauer, Durchhaltevermögen oder Beharrlichkeit beschrieben. Der Bauer wartet geduldig auf die Regenperioden, welche seine Saat aufgehen lassen. Geduld ist aber nicht mit Warten gleichzusetzen. Warten ist etwas, das wir tun. Geduld beschreibt, WIE wir es tun. Der Bauer wartet, weil er warten muss. Er hat kaum eine andere Wahl. Er kann auch ungeduldig warten, sich nerven und den Himmel verfluchen, weil der Regen nicht früher kommt. Oder er kann in der Hitze eines Wutausbruchs aufs Feld rennen und die Sprösslinge von Hand oder mit chemischer Keule zum Wachsen animieren. Er wird sie bei seinem Versuch höchstwahrscheinlich verletzen oder gar zerstören. Geduld hingegen ist eine Charaktereigenschaft. Geduld gründet in einer lebendigen Hoffnung auf das Kommen bestimmter Ereignisse wie Regenperioden, die zu gegebener Zeit eintreffen.

Im Gespräch mit unseren Mitmenschen nach Sinn und Wahrheit sollten wir uns im Anbetracht dessen darauf konzentrieren, unserem Gegenüber «verständnisvoll zuzuhören und gute Fragen zu stellen.» Gut zuhören und gute Fragen stellen ist eine Verkündigungsform. Wie oft hat doch Jesus selbst verständnisvoll zugehört und gute Fragen gestellt, sei es z.B. bei Nikodemus, der Jesus im Schutz der Nacht auf dem Dach zum Gespräch aufsuchte. Oder im Gespräch mit der Frau am Brunnen in Samaria unter brennender Mittagssonne. Bei der Frau keimte die Saat der Worte Jesu sofort auf und sie teilte den gefundenen Messias mit der ganzen Stadt. Bei Nikodemus ging es etwas länger, doch auch bei ihm ging die Saat zum von Gott gegebenen Zeitpunkt auf.

Im gleichen Sinne verweist Jakobus seine Leser darauf, dass Gott zur richtigen Zeit eingreift und Missstände beendet:

...denn der Herr ist zutiefst barmherzig und voll Mitgefühl. Jakobus 5,11

Es ist also in erster Linie Gott selbst, der daran interessiert ist, dass Menschen ihn finden:

«Denn er will, dass alle Menschen gerettet werden und dass sie die Wahrheit erkennen.» 1. Timotheus 2,4

Prüfung unserer Motive

Ein Dranbleiben und Warten, das Geduld fordert, entpuppt sich auch immer wieder als eine Art der Prüfung unserer Motive. Geht es mir um Gott und seinen Plan zur Errettung der Menschen? Bin ich bereit dranzubleiben, bis die Saat durch Gottes Einwirken aufgeht? Oder geht es mir primär darum vorzuweisen, was für ein erfolgreicher Christ ist bin? Biblische Bücher wie das von Hiob stellen diese Frage auf sehr unangenehme und schmerzhafte Weise. Und Jakobus fasst es so zusammen:

Schließlich ist es doch so, dass wir die glücklich preisen, die in der Prüfung standhaft geblieben sind. Ihr habt von der Standhaftigkeit Hiobs gehört und wisst, dass der Herr bei ihm alles zu einem guten Ende geführt hat, denn der Herr ist zutiefst barmherzig und voll Mitgefühl.» Jakobus 5,11

In diesem Zusammenhang sind mir die Menschen ein ermutigendes Vorbild, die bereit waren, ihre Leben für Gottes Auftrag einzusetzen und dabei nicht nur ihre eigene Lebenszeit im Blickfeld hatten, sondern sich weit darüber hinaus investierten. Sie haben gesät, aber die Ernte ihrer Saat nie miterlebt.

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Über die eigene Lebenszeit hinaus

Jim Elliot investierte sein Leben für unerreichte Volksstämme in Ecuador. Bevor er heiratete, baute er eine Missionsstation im Dschungel auf. Doch dann wurde die Arbeit eines ganzen Jahres über Nacht zerstört. Andere hätten Gott angeklagt und wären enttäuscht und verbittert in ihre Heimat zurückgekehrt. Nicht so Jim. Er verstand diese Umstände als Prüfung Gottes und stellte sich der für jeden Nachfolger Jesu entscheidenden Frage: «Machst du es für deinen Erfolg, oder tust du es für mich?»

Diese Frage musste sich auch Jims Frau Elisabeth stellen, als ihr Mann drei Jahre nach ihrer Heirat von einer Gruppe Waorani Indianer ermordet wurde, als er diese mit der Botschaft von Jesus erreichen wollte. Auch Elisabeth hätte verbittert in ihre Heimat zurückkehren können. Sie entschied sich aber zu bleiben und erreichte eine geraume Zeit später die Mörder ihres Ehemannes und deren Stamm mit der frohen Botschaft. Für mich ein äusserst eindrückliches Beispiel für die Bedeutung von Geduld in From von Ausdauer, Durchhaltevermögen oder Beharrlichkeit, wobei Vergebung als entscheidende Komponente hinzukam. Hier ein absolut hörenswertes Interview mit ihrer Tochter Valerie (in Englisch), die über die Beziehung ihrer Eltern und ihre Kindheit berichtet.

Der bekannte schottische Missionar David Livingstone starb im Bewusstsein, dass er nur eine einzige Person zu Christus geführt hatte. Er schrieb in seinem Tagebuch:

Wir sind wie Stimmen, die in der Wüste rufen; wir bereiten den Weg für eine herrliche Zukunft. Zukünftige Missionare werden für jede Predigt mit Bekehrungen belohnt werden. Wir sind ihre Pioniere und Helfer. Lass sie nicht die Wächter der Nacht vergessen – uns, die gearbeitet haben, als alles finster war und nichts auf einen Erfolg in Form von Bekehrungen unsere Wege aufmunterte. Zweifellos werden sie mehr Licht haben als wir. Dennoch können auch wir unserem Meister ernsthaft dienen und so wie sie das Evangelium verkündigen. Gottes Generäle V — Die Missionare

Der Evangelist Reinhard Bonnke kommentiert diesen Tagebucheintrag folgendermassen:

Livingstone starb 1873. Seitdem sind weit über 100 Jahre vergangen. Wie steht es mit Livingstones prophetischem Wort? War es nur Wunschdenken? Ich freue mich, dir unsere Beobachtungen mitteilen zu können. Die vor so langer Zeit gelegte Saat ist jetzt zur Ernte erblüht. Gottes Generäle V — Die Missionare

Abschliessende Gedanken

Ich sehne mich nach dieser göttlichen Art von Geduld in meinem eigenen Leben. Eine Geduld, die mir erlaubt, nicht nur auf kurzfristige Erfolge ausgerichtet sein zu müssen, sondern meinen Blick auf Gottes grossen Heilsplan richtet. Jesus nachzufolgen bedeutet, sich von Gott selbst in sein Ackerfeld hinein säen zu lassen.

«Ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es ein einzelnes Korn. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht. Johannes 12,24

Bin ich bereit, mit Toleranz, Demut und Geduld an meine Mitmenschen heranzutreten? Meine Antwort lautet: Ja, mit Gottes Hilfe. Ich glaube, nur mit Gott ist es mir möglich. Ich bin bereit. Und da, wo ich noch zögere, suche ich Gott und bitte ihn, er möge mich durch seinen Geist zubereiten, formen und prägen, so wie es ihm gefällt.


Dieser Blog-Artikel wurde erstmals Anfangs Juli 2020 unter demselben Titel auf dem Daniel-Option Blog veröffentlicht. Lesenswert in diesem Zusammenhang sind auch die Artikel über "Toleranz" von Josua Hunziker und "Demut" von Paul Bruderer.

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