/ Beziehung

Liebeserklärung zum Frühstück

Katrin Carrel Katrin Carrel

Tischgemeinschaften faszinieren mich. Sie sind eine wunderbare Gelegenheit, Beziehungen zu pflegen. Eine Tischgemeinschaft kann ein Ort der Verbundenheit, der Freude und des Trostes sein. Wir können anderen Menschen begegnen und sie kennen lernen. Und vielleicht begegnet uns dabei sogar Gott.

Picknick mit Eule

Als Kind verbrachte ich im Sommerhalbjahr die meisten Sonntage im Wald. Wie die französisch angehauchte Familientradition es so wollte, trafen wir uns mit den Grosseltern und einigen Nachbarn zum Picknick. Die schwer beladenen Picknickkörbe wurden ausgepackt, die obligate Cervelat wurde am Feuer gebraten und die Chips und die gesalzenen weissen Rüben geteilt. Nach dem Essen und einem Mittagsschläfchen in der Hängematte folgte das traditionelle Boule-Spiel, ein vergnüglicher Zeitvertreib für altersdurchmischte Zweierteams mit unterschiedlich ausgeprägtem Talent.

Photo by Michal Matlon / Unsplash

Während einer dieser sonntäglichen Boule-Partien entdeckten wir plötzlich in 15 Meter Höhe eine Eule, die hellwach auf einem Ast sass und in die Sonne blinzelte. Nach gegenseitiger Beratung und Fachsimpelei wurde entschieden, dass das Verhalten dieser Eule sicher nicht normal sein konnte und Ausdruck irgendeines Mangels oder einer Krankheit sein musste. So begannen die jungen Väter, denen das Boule-Spiel vielleicht auch etwas zu langweilig war, mit vereinten Kräften an der hochaufragenden Tanne zu rütteln. Sie taten dies mit viel Engagement, so dass die Eule letzten Endes nachgeben musste und im Taumelflug vom Baum fiel. Die Picknick-Gesellschaft beschloss daraufhin, die tatsächlich etwas benommene Eule vorsichtig einzupacken und zum Tierarzt zu bringen, wo ihr die nötige veterinärmedizinische Hilfe zuteil wurde. Uns Kindern wurde mitgeteilt, dass die Eule in einer Auffangstation ein neues zu Hause fand und dort wieder ganz gesund gepflegt wurde.

Bis heute liebe ich Picknicks, unter anderem dank diesem besonderen Erlebnis. Sogar in der Bibel wird von grossen und grossartigen Picknicks berichtet, die den anwesenden Teilnehmern sicher für den Rest ihres Lebens in Erinnerung geblieben sind. Die Evangelien beschreiben, wie Jesus bei mindestens zwei Gelegenheiten der Gastgeber für zwei gigantische Freiluft-Mahlzeiten war, bei denen sich im Vorfeld jedoch eine wirkliche Notlage angebahnt hatte. Durch einen grosszügigen und mutigen Jungen und durch Gottes besonderes Eingreifen bekamen letzten Endes alle Anwesenden Fisch und ein Stück Brot und konnten so gestärkt ihre Heimreise antreten.

Every summer our team has the tradition to pack and move office to the quiet and cool place of Mechi Chal. It’s a mountain hut located near Pamporovo in Rhodope Mountains, Bulgaria. We work, have fun and stuff ourselves with delicious local food.
Photo by Stefan Vladimirov / Unsplash

Lebensschule Familientisch

Dieses Jahr konnte ich meinen 50. Geburtstag feiern. Wie zu erwarten, ist die Lebensmitte eine Phase, in der man zurückblickt, sich erinnert, Bilanz zieht und nach vorne schaut. Ich fand viele Dinge, für die ich dankbar bin. Ich nahm mir die Zeit, in unseren verschollenen und wiedergefundenen Fotos zu wühlen, an unsere zwölf Umzüge zu denken und darüber nachzugrübeln, was zu meinen wertvollsten Erinnerungen gehört.

Dabei standen mir die vielen Mahlzeiten am Familientisch vor Augen. Und es sind nicht allzu sehr die einzelnen Menüs, sondern die vielen Begegnungen und Gespräche, welche die Essenzeiten so kostbar machen. Nicht viele andere Orte bieten eine so gute Gelegenheit, unser Leben miteinander zu teilen, Menschen kennenzulernen, durch die anwesenden Gäste den Horizont zu erweitern. In Indien lernten wir, Gast der ärmsten Menschen zu sein: Von Hand vom Bananenblatt zu essen, niemals ganz fertig zu essen, um den Gastgeber nicht zu beschämen, und als Zeichen der zufriedenen Vollendung der Mahlzeit das Blatt zusammenzufalten. In China erfuhren wir, dass Reis essen schon das halbe Lebensglück ausmacht, so dass die Menschen einander einfach fragen, ob man heute schon Reis gegessen hat, wenn man wissen will, ob es dem Gegenüber gut geht. Wie wunderbar, einen chinesischen Missionar aus Südamerika am Tisch zu haben und zu hören, wie die christlichen Kirchen dort leben und glauben. Es war aufrüttelnd, mit unseren Mitstudenten aus Burkina Faso und Benin ein Nachtessen zu teilen und zu erfahren, dass es ihre erste Mahlzeit des Tages war.

Und mitten drin waren natürlich auch immer unsere Söhne als Teil der Tischgemeinschaft dabei. Die wichtigsten Zeiten sind und bleiben für mich die Mahlzeiten mit meinem Mann und unseren Jungs. Über die Jahre haben wir während dem Essen die Erlebnisse des Tages geteilt, an unseren Herausforderungen Anteil genommen, über unsere christlichen Familienwerte gesprochen und Lösungen für Probleme gesucht. Mit der Zeit hielt auch die digitale Welt Einzug. Auch wenn wir während dem Essen das Handy nicht benutzen, so zeigen wir einander nach der Mahlzeit gerne, was wir gelesen und gesehen haben. Inzwischen diskutieren wir gemeinsam, wie wir abstimmen werden und stellen fest, wo unser Haushalt für das Gleiche stimmt und wo sich unsere Stimmen aufheben werden. Wir üben Gesprächskultur…durch Gelingen und Scheitern.

Was ich besonders schätze, ist das gemeinsame Gebet als Paar, aber auch als ganze Familie. Zu Beginn des Tages beten wir für einander, aber auch für Menschen und Situationen in unserem Umfeld. Das gehört zum Kostbarsten in meinem Leben. Unterschätzen wir den Wert der Tischgemeinschaft nicht. Nutzen wir diese Zeit gut!

Bread and goblet of juice for communion at church.
Photo by Morgan Winston / Unsplash

Streit und Verrat

Wo ein grosses Potential zum Guten liegt, lauert auch die Gefahr von Streit und Verletzungen. Wir alle wünschen uns konstruktive, ermutigende Tischgespräche. Und doch erzählt die Bibel davon, dass gerade am Tisch Zerrüttung statt Gemeinschaft Einzug halten kann. David diente seinem Vorgänger König Saul in der Armee und mit seiner musikalischen Gabe. Saul geriet mehrfach in Jähzorn und schleuderte seinen Speer nach David, um ihn an die Wand zu spiessen. Das war sicher keine entspannte Mahlzeit! Judas setzte seinen Plan, Jesus zu verraten, in die Tat um, ausgerechnet als Jesus mit seinen Jüngern das Abendmahl feierte und ihnen die aussergewöhnliche Bedeutung dieser Mahlzeit erklärte. Jesus sprach von seiner Liebe und vom zukünftigen Fest in Gottes Reich. Er sprach davon, dass sein Leib zerbrochen werden würde, um wieder Frieden zwischen Gott und den Menschen möglich zu machen. Judas jedoch dachte in diesem Moment an Verrat und finanziellen Gewinn.

Auch wenn ich an meine Kindheit und Jugend zurückdenke, erinnere ich mich an angespannte Zeiten bei Tisch, mit Streit, Anklagen und Tränen. An Feste, die so feucht-fröhlich waren, dass mir vertraute Menschen plötzlich fremd wurden durch ihre Worte und durch ihr Verhalten. Ich weiss noch gut, wie es sich anfühlte, als Kind von der Tischgemeinschaft weggeschickt zu werden, weil ich nicht genug ass. Ich hatte eine unentdeckte Leberentzündung und deshalb mit Appetitlosigkeit und Übelkeit zu kämpfen. Die Pädagogik der 70er Jahre verurteilte mich zu einsamen Mahlzeiten in der Küche, getrennt von der Gemeinschaft.

Photo by Benjamin DeYoung / Unsplash

Liebeserklärung zum Frühstück

Auch meine persönliche Glaubensgeschichte hat mit einem Picknick zu tun. Mit 20 Jahren hörte ich in Lausanne eine Predigt über die Begegnung zwischen Jesus und Petrus nach seiner Auferstehung. Petrus hatte Jesus verleugnet, nachdem Jesus verhaftet worden war. Vom glühenden Fan war Petrus in der dunklen Stunde der Gefangennahme zum ängstlichen Nobody geworden. Dreimal verleugnete Petrus, dass er Jesus kannte. Dreimal krähte der Hahn. Jesus hatte es ihm vorausgesagt.

Petrus war von sich selbst tief enttäuscht. Er konnte nicht mehr glauben, dass Gott jemanden wie ihn noch irgendwie brauchen konnte oder in seine Pläne einbeziehen wollte. Am Ostersonntag war Jesus auferstanden, seither war er seinen Jüngern bereits zweimal begegnet und nun machte er sich auf, um Petrus zu finden. Petrus war in seinen alten Beruf als Fischer zurückgekehrt und hatte über Nacht gearbeitet. Am Ufer brannte ein Feuer, Jesus hatte ein Frühstück vorbereitet: Brot und Fisch.

»Bringt ein paar von den Fischen, die ihr eben gefangen habt!«, forderte Jesus sie auf. Da stieg Simon Petrus ins Boot und zog das Netz an Land. Es war voll von großen Fischen, im Ganzen hundertdreiundfünfzig. Und trotz dieser Menge riss das Netz nicht. »Kommt her und esst!«, sagte Jesus. (Johannes 21:10-11)

Jesus machte Petrus klar, dass Gottes Absichten für ihn immer noch intakt waren. Er schenkte ihm als Zeichen einen zweiten grossen Fischfang. Dieser Fang erinnerte ihn an den Tag, als Jesus Petrus zum ersten Mal zum Menschenfischer und Apostel berufen hatte.

Im darauffolgenden Gespräch stellte Jesus die zerbrochene Gemeinschaft mit Petrus wieder her. Nach seiner dreifachen Verleugnung, bekam Petrus die Gelegenheit, dreimal seine Liebe zu Jesus zu bekennen.

Als sie gegessen hatten, sagte Jesus zu Simon Petrus: »Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als irgendein anderer hier?« Petrus gab ihm zur Antwort: »Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.« (Johannes 21:5)

Diese Frage von Jesus traf mich dort in Lausanne mitten ins Herz. Ich wusste, Gott fragt mich dasselbe: «Liebst Du mich?». An jenem Abend im Dezember 1990 antwortete ich mit Ja. Es war die wichtigste Entscheidung meines Lebens und ich habe sie nie bereut.

Gott möchte mit uns eine so nahe Beziehung haben, wie sie eine gute Tischgemeinschaft möglich macht. Eine Gemeinschaft, in der wir aus unserem Leben erzählen, Anteilnahme und Annahme erfahren, Vertrauen fassen, Mut bekommen, gesegnet werden, Worte hören, die unseren Lebensweg erhellen. Eine Gemeinschaft, die uns Frieden und Hoffnung gibt und uns durch alle Zeiten trägt.

Im letzten Buch der Bibel spricht Jesus:

«Merkst du nicht, dass ich vor der Tür stehe und anklopfe? Wer meine Stimme hört und mir öffnet, zu dem werde ich hineingehen, und wir werden miteinander essen – ich mit ihm und er mit mir.» (Offenbarung 3:20)

Wirst Du öffnen?

Liebeserklärung zum Frühstück
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