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Wir sollten über Relevanz reden (Teil 2)

Ramon Baumann Ramon Baumann

Das grosse Dilemma — was sage ich: die Dilemmata! — in denen wir in unserer westlich-industrialisierten Welt des 21. Jahrhunderts stecken (sie sei mittlerweile «Postpostmoderne» genannt), besteht in der simplen Aufgabe, welche Aschenputtel als Bestrafung schon erfüllen musste: Sortieren. Wie trenne ich in diesem kurzen irdischen Leben inmitten der jetzigen Dystopie das Wesentliche vom Unwesentlichen?

Der amerikanische Schriftsteller und Philosoph Henry David Thoreau vollzog seine Triage bereits Mitte des 19. Jahrhunderts und fand seine Antwort am Walden Pond:

Ich ging in die Wälder, weil ich bewusst leben wollte.
Ich wollte das Dasein auskosten.
Ich wollte das Mark des Lebens einsaugen
Und alles fortwerfen, das kein Leben barg,
Um nicht an meinem Todestag innezuwerden,
Dass ich nie gelebt hatte.

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Photo by Jan Antonin Kolar / Unsplash

Beware of Irrelefants!

Obiger Untertitel ist nicht auf Deutsch übersetzbar, ohne den Wortwitz zu killen — diese Art von Dickhäutern gibt’s nur im Englischen. Die Metapher für Irrelevantes, die ich subjektiv im Deutschen gebrauchen werde, soll später ein paar Zeilen weiter unten vorgestellt werden. Doch aufgepasst («beware»): Egal, durch welches Dickicht eines angelsächsischen Alltagsdschungels Irrelefants auch ihr Unwesen treiben mögen — sie abzuschiessen beinhaltet die Gefahr, dass, einer Hydra ähnlich, abertausende neuer Plagegeister aus dem Kadaver hervorquellen…

Nach einigem Abwägen habe ich für Irrelevantes das Bild der Motten gewählt, welche dich als eigentlich Erleuchtete(r) heutzutage minütlich umschwirren, einerlei, ob als Gedanken unter deiner Schädeldecke oder um dich herum in einem Veitstanz der Belanglosigkeiten, nicht zuletzt durch das digitale Instrumentarium aus dem Silicon Valley exponential verstärkt.

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Photo by Jan Antonin Kolar / Unsplash

Der irren Motten sind Legion

Varanasi am Ganges, die heiligste Stadt Indiens, vor Tagesanbruch — wir befinden uns an einem noch kühlen Herbstmorgen des Jahres 2003. Erika (meine Frau) und ich sind auf dem Weg von unserem Hotel an die Bootsanlegestelle, wo Flussfahrten an den vielen Ghats vorbei angeboten wurden, auch vorbei an jenen berüchtigten offenen Krematorien, wo die Asche der auf den Scheiterhaufen verbrannten Toten in den Fluss gestossen wird, damit diese das Moksha erlangen.

Der Bootssteg ist durch an mehreren Masten befestigte grelle Scheinwerfer erleuchtet. Was einen schaudern lässt: Abertausende von Flattergeistern, welche, irr(elevant) die Lichter umtanzend, uns willkommen heissen…

Dies — im übertragenen Sinne — ist der beklagenswerte Status unseres mittlerweile globalisierten, kaputtalistischen Alltags, wo Legionen von Berater* innen , Coach* innen, Scharlatan* innen und, last but not least, alle übrigen -*aussen versuchen, uns durch einen marketenderischen Spiessrutenlauf Orientierungshilfen anzudrehen. Bis zum Durchdrehen ist es definitiv nur ein kleiner Schritt.

Deshalb verzichte ich an dieser Stelle darauf, eine Liste an Irrelevantem zu erstellen — ich überlasse dies gerne eurer Fantasie oder, noch besser, der inspirativen Kraft in euch drin. Und dann: Schmeisst alles über Bord, was euch Ballast erscheint!

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Photo by Jan Antonin Kolar / Unsplash

So, und was ist nun eigentlich Relevanz?

Nun — diese befindet sich natürlich im Auge des Sturms (eine meiner Lieblingsmetaphern!), nirgendwo sonst. Das hatte schon vor Jahrtausenden der Prophet Jesaja (durch Gott eingegeben) auch ohne unser modernes Brimborium gecheckt:

Durch Stillesein und Hoffen
würdet ihr stark sein.
— Jes. 30.15

Davon mehr in Teil 3, showing up soon on a screen near you.

Ramon Baumann

Ramon Baumann

noTka AirBnC | TriEthnical Cosmopolitan | Husband to Erika | Prodigal Son | Sheep #100 | Apologist | Serendipity Lover | Flotsam/Jetsam Gatherer | Life Is A Palimpsest

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