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Vom Perfektionismus (Teil 1)

Emanuel Hunziker Emanuel Hunziker

Perfektionismus bedeutet nicht, dass Menschen Dinge gut machen, sondern dass Menschen panische Angst haben, dass sie nicht gut genug sind. Sie glauben, sie seien nicht mehr liebenswert, wenn sie einen Fehler machen.

Diese Definition stammt vom Neurologen, Psychiater und Psychotherapeuten Raphael M. Bonelli, einem bekennenden Katholiken aus Wien, dem Mitgründer des RPP-Instituts für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie.

Wir bringen bei unseren Tagungen nicht nur Menschen zusammen, sondern auch die psychologischen Wissenschaften mit den Religionswissenschaften, der Philosophie und der Theologie. Wir möchten ihnen ein tiefes Verständnis dafür vermitteln wie der Mensch gebaut ist und was sein Leben gelingen lässt.

In diesem Artikel möchte ich Bonellis Argumentationslinie zum Perfektionismus ein wenig nachzeichnen und anhand von Lukas 15,11-32 in den Kontext des Evangeliums setzen.

Wertschätzung: Segen oder Fluch?

Ich geb's zu: Ich werde gerne wertschätzend behandelt! Wer nicht? Wahrgenommen und beachtet werden, das fühlt sich gut an. Anderen etwas bedeuten und mit dabei sein. Dazugehören, zur Menschheit, zur Nation, zur Gesellschaft, zum Dorf, zur Kirche, zur Nachbarschaft, zur Familie.

Wertschätzung bezeichnet die positive Bewertung eines anderen Menschen. Wertschätzung betrifft einen Menschen als Ganzes, sein Wesen. Sie ist eher unabhängig von Taten oder Leistung, auch wenn solche die subjektive Einschätzung über eine Person und damit die Wertschätzung beeinflussen. Wikipedia

Die Sache mit der Wertschätzung hat aber auch einen Haken. Bin ich weniger wert, wenn mich meine Mitmenschen geringschätzen? Das würde ja bedeuten, dass sich mein Wert als Mensch wie bei einem Kunstgemälde an der Nachfrage misst. Vincent van Gogh konnte zu Lebzeiten lediglich ein einziges Bild verkaufen – für 400 französische Francs. Heute stehen einige seiner Bilder auf der Liste der teuersten Gemälde, die ab einem Verkaufspreis von 50 Millionen Dollar geführt wird.

Viele Menschen wollen wertgeschätzt werden in der heutigen Zeit. «Was denken die anderen? Werde ich genug wertgeschätzt?» Es geht ihnen nicht um die Sache, sondern um die eigene Wertschätzung. Man macht sich dadurch aber abhängig vom Urteil anderer Menschen. Raphael Bonelli

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Photo by Ishan Gupta / Unsplash

Ein perfektionistisches Zeitalter

Raphael Bonelli sagte in einem Interview mit dem Deutschlandrundfunk, er stelle fest, dass unsere Zeit immer perfektionistischer wird.

In meine Praxis kommen immer mehr Menschen mit perfektionistischen Problemen. Es fängt an mit der Essstörung. Menschen wollen den perfekten Körperbau. Schönheitswahn, Leistungswahn – man definiert sich über die Leistung. «Wer nichts leistet, ist nichts mehr wert.» Das spielt auch in die Erziehung hinein. «Man sucht die Super-Kids, die schon viele Sprachen sprechen, perfekt Tennis spielen. Das ist die Neurose der Zeit.»

Bonelli unterscheidet zwischen einem gesunden und einem ungesunden Perfektionsdrang. Diese Unterscheidung ist sehr wichtig.

Ein gesunder Perfektionsdrang orientiert sich an einem höheren Ideal, um dadurch Raum zur Entfaltung und Weiterentwicklung zu erhalten. Ein solches Ideal kann mit dem Polarstern verglichen werden, der den Seefahrern als Orientierungspunkt diente, um die Meere der nördlichen Hemisphäre zu durchsegeln. Seefahrer, wie der isländische (Amerika-) Entdecker Leif Eriksson wären nie auf die Idee gekommen, sich den Polarstern selbst zum Ziel ihrer Entdeckungsreisen zu machen, obschon sie vielleicht manchmal von solch einem tollkühnen Vorhaben träumten, wenn sie in eisigen Winternächten auf offener Nordsee das Firmament bestaunten. Die Unerreichbarkeit des Polarsterns war aber kein Grund, sich nicht an ihm zu orientieren. So orientieren sich auch Menschen mit einem gesunden Perfektionsdrang bewusst an einem Ideal, dass sie womöglich nie erreichen werden, an dem sie aber wachsen und sich entfalten können.

Der ungesunde Perfektionsdrang hingegen macht das Ideal zum Ziel. Das Soll wird zum Muss. Warum? Weil sich der Perfektionist aus Angst vor Ablehnung seinen Wert von seiner perfekten Leistung abhängig macht. Die Gleichung lautet: Ich bin nur gut genug, wenn ich das (von mir selbst definierte) Ideal erreiche.

Perfektionismus ist nicht, dass Menschen die Dinge gut machen, sondern dass Menschen panische Angst haben, dass sie nicht gut genug sind. Die Menschen glauben, wenn sie einen Fehler machten, seien sie nicht mehr liebenswert.

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Photo by Ishan Gupta / Unsplash

Perfektionismus überwinden

Wie überwindet man diese perfektionistische Welle unserer Zeit, wenn man einmal von ihr mitgerissen wurde und in den unendlichen Ozean des Idealismus abzudriften droht? Der erste Schritt ist das Erkennen dieses inneren Musters, das den Betroffenen oft gar nicht bewusst ist, so Bonelli in einem Interview mit News.at zu seinem Buch über Perfektionismus.

Perfektionisten glauben ja, dass sie so selbstlos sind. Sie sehen sich immer als guten Menschen, weil sie etwas für die anderen machen. In Wahrheit machen sie es aber nur für sich selbst - um von den anderen wertgeschätzt zu werden. Der Betroffene muss erkennen, aus welcher Motivation heraus er handelt. Geht es ihm um die Sache an sich? Oder darum, anderen zu gefallen?

Die große Überwindung sei, so Bonelli, sich selbst anzunehmen mit der Fehlerhaftigkeit, Durchschnittlichkeit und Gewöhnlichkeit. Zu erkennen, welche Motivation einen leitet, ist die eine Sache. Die andere ist, die eigene Unvollkommenheit auszuhalten.

Der innere Glaubenssatz des Perfektionisten beginnt stets mit "Ich muss". Ein unerreichbares Ziel erlebt er als schrecklichen Vorwurf. Der Perfektionist will keinesfalls durchschnittlich, gewöhnlich oder gar fehlerhaft sein. Aber so ist der Mensch nun einmal. Also gilt es mit der eigenen Fehlerhaftigkeit leben zu lernen, zu akzeptieren, dass man nicht der oder die Schönste, Cleverste und Erfolgreichste ist. Eine Erkenntnis, die erleichtert, weil mit ihr eine Menge Druck abfällt. Und die dem Perfektionisten, der sich grundsätzlich ja viel zu ernst nimmt, dabei hilft, auch mal über sich selbst lachen zu können.

Der Schweizer Soul-Sänger Seven besingt in seinem Song 'Seele' seinen Entschluss, seinen Perfektionsdrang zu durchbrechen und sich echt und verletzlich zu zeigen.

Ich wollte immer perfekt sein
ohne Fehler korrekt sein
Ich dachte Perfektion bügelt alles aus
doch jetzt lass ich meine Seele raus

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Photo by Ishan Gupta / Unsplash

Vom Drang der Selbsterlösung

Perfektionismus entpuppt sich beim genaueren Hinsehen als Selbsterlösungs-Versuch, der einen Menschen zwar zu erstaunlichen Leistungen treiben kann, aber sein Grundproblem nicht löst. Denn wehe, du erreichst deine Ideale nicht! Dann gnadet dir kein Gott. Dann erleidest du Höllenqualen und hast niemanden, der dich erlösen kann, weil in der Welt des Perfektionismus nur eines zählt: Perfekt sein.

Mir kommt der ältere Bruder aus dem Gleichnis in Lukas 15 in den Sinn, der sich jahrelang mit aller Kraft anstrengte perfekt zu sein. Seine Logik: Wenn ich mich peinlichst genau an die Anweisungen des Vaters halte, wird er mich dafür wertschätzen und belohnen, indem er mir zu Ehren ein kleines Du-bist-ein-guter-Sohn Fest veranstaltet. Als dann eines Tages sein jüngerer Bruder – die Unperfektion in Person – nach seinem jahrelangen Selbstverwirklichungs-Egotrip nach Hause kommt und vom Vater eine Welcome-back Party mit allem Drum und Dran geschmissen kriegt, platzt ihm definitiv der Kragen und er schreit seinem Vater seine bittere Enttäuschung ins Gesicht:

So viele Jahre diene ich dir jetzt schon und habe mich nie deinen Anordnungen widersetzt. Und doch hast du mir nie auch nur einen Ziegenbock gegeben, sodass ich mit meinen Freunden hätte feiern können! Und nun kommt dieser Mensch da zurück, dein Sohn, der dein Vermögen mit Huren durchgebracht hat, und du lässt das Mastkalb für ihn schlachten! Lukas 15

Tim Keller schreibt in seinem Buch "Bedingungslos geliebt" über religiöse Perfektionisten:

Solche Menschen führen oft ein moralisch untadeliges Leben, aber ihr Ziel dabei ist es, gegenüber Gott etwas in der Hand zu haben, ihn zu beherrschen, ihn in eine Lage zu bringen, wo er ihnen ihrer Meinung nach etwas schuldig ist. Ältere Brüder gehorchen Gott, um etwas dafür zu bekommen. Sie gehorchen Gott aber nicht, um Gott selbst zu bekommen – um ihm ähnlich zu werden, ihn zu lieben, ihn zu kennen und ihm Freude zu machen.

Warum hält der ältere Bruder seinen Vater auf Abstand und versucht ihn mit seinem Perfektionismus zu manipulieren? Es ist ein Mangel an Gewissheit über die Liebe des Vaters. Woran zeigt sich diese mangelnde Gewissheit? Keller formuliert es so:

Jedes Mal, wenn etwas in deinem Leben schiefgeht oder ein Gebet nicht erhört wird, fragst du dich, ob es daran liegt, dass du in diesem oder jenem Bereich nicht richtig lebst. Kritik von anderen verletzt nicht nur deine Gefühle, sondern schmettert dich geradezu nieder. Das liegt daran, dass deine Wahrnehmung von Gottes Liebe abstrakt ist und wenig wirkliche Kraft in deinem Leben hat – und du darum die Anerkennung anderer brauchst, um dein Selbstwertgefühl zu polstern.

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Erlösung vom Perfektionismus-Fluch

Wie kann die innere Dynamik eines perfektionistischen Herzens sich von einer Dynamik von Angst und Zorn hin zu einer Dynamik der Freude, der Liebe und der Dankbarkeit verändern? Das Erste, was wir brauchen, ist eine Initiative von aussen: die Initiative der Liebe Gottes. Der Vater verlässt sein Haus, um seinem älteren Sohn seine Liebe auszudrücken und ihn hinein zu holen, zum Fest der Freude.

Sein Vater redete ihm zu: ›Mein Sohn, du bist immer bei mir gewesen. Alles, was ich habe, gehört auch dir. Darum komm, wir haben allen Grund, fröhlich zu feiern. Denn dein Bruder war tot, jetzt lebt er wieder. Er war verloren, jetzt ist er wiedergefunden!‹« Lukas 15

Diese Szene berührt mich, weil sie zeigt, wie sehr Perfektionisten in ihrem Perfektionismus gefangen sind und wie sehr sie die Initiative der Gnade Gottes brauchen. Perfektionismus ist eine Form von Verlorenheit. Aber es gibt Hoffnung! Jesus liebt nicht nur die zügellosen, freigeistigen Leute wie der verschwenderische jüngere Bruder, sondern auch die verknöcherten, verbitterten Frommen. Der ältere Bruder bekommt keine strenge Verurteilung vom Vater, sondern einen liebevollen Appell, von seinem Zorn und seiner Selbstgerechtigkeit abzulassen.

Das Problem des älteren Bruders ist seine Selbstgerechtigkeit, die Art und Weise, wie er seine moralischen Leistungen benutzt, um sich Gott und andere Menschen zu Schuldnern zu machen, damit er sie kontrollieren und dazu bringen kann, zu tun, was er will. Sein geistliches Problem ist die radikale Unsicherheit, die daher rührt, dass er sein Selbstbild auf Erfolge und Leistungen gründet, so dass er sein Gefühl der Rechtschaffenheit ständig unterfüttern muss, indem er andere herabsetzt und den Blick ganz spezifisch auf ihre Fehler richtet.

Perfektionisten brauchen Erlösung! Sie gehen an ihrer Selbstgerechtigkeit zu Grunde. Ihre Angst und ihr Zorn fressen sie innerlich auf. Sie verbittern zunehmend an sich selbst. Sie sehnen sich nach Freude und Festlichkeiten, aber bleiben gefangen in ihrer Ichhaftigkeit, dem ängstlichen Drehen um sich selbst.

Erst wenn wir das Verlangen erkennen, unser eigener Erlöser und Herr zu sein – ein Verlangen, das sowohl hinter unseren Sünden als auch hinter unserer moralischen Rechtschaffenheit steckt –, stehen wir an der Schwelle, das Evangelium zu verstehen und wahrhaft Christ zu werden.

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Photo by Ishan Gupta / Unsplash

Die Welt braucht wahrhaftige Christen. Menschen, die sich ihrem Selbsterlösungstrieb stellen, weil Gott ihnen voller Liebe, Annahme und Vergebung entgegenkommt und sie zu seinem Festmahl in sein Haus einlädt. Der himmlische Vater ist dazu in der Lage, weil der wahre ältere Bruder, Jesus Christus, bereit war, das Haus seines Vaters im Himmel zu verlassen, um die Menschen von ihrem Selbsterlösungstrip zu erlösen und sie zurück in die Gemeinschaft mit dem Vater zu rufen. Jesus erlöste uns nicht nur von unserer Ichhaftigkeit, er beglich auch alle unsere Schuld, die wir durch sie auf uns luden. Zudem adoptiert uns der himmlische Vater als seine Kinder und behandelt uns so, als hätten wir das tadellose Leben von Jesus geführt. Dieses Erlösungswerk ist nichts weniger als die Rettung der Welt.

Das Evangelium lautet: Du bist so sündig und fehlerhaft, dass Christus für deine Erlösung sterben musste, aber gleichzeitig so sehr geliebt und angenommen, dass er es gerne für dich tat. Tim Keller

Das Evangelium der Gnade richtet unseren Blick auf den gekreuzigten Gottessohn und sagt uns: “So verloren wärst du. Und so geliebt bist du.” Johannes Hartl

Wenn ich mir das alles so zu Gemüte führe, muss ich zugeben: Ja, auch ich entdecke perfektionistische Züge in mir. Ja, auch ich kenne das Verlangen in mir, mein eigener Erlöser und Herr zu sein. Und ja, auch ich stehe einmal mehr an der Schwelle, das Evangelium nochmals ganz neu zu begreifen und mein Leben aus voller Überzeugung und Dankbarkeit auf dieser Grundlage weiterzubauen. Gottes Gnade allein macht es möglich. Soli Deo Gloria – Gott allein sei die Ehre!

Vom Perfektionismus (Teil 1)
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