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Verlorene Ehre, geschenkte Würde

Katrin Carrel Katrin Carrel

«Die Ehre und der Ruhm einer Maus liegen in ihrem Schwanz», meinte Riepischiep, der Mäuse-Held aus der Geschichte von Narnia. In der Schlacht um Beruna hatte er tapfer gekämpft und dabei fast sein Leben verloren. Sein Leben wurde zwar gerettet, sein Schwanz jedoch war ab. Und damit seine Ehre. Dachte er.

Der König und Schöpfer von Narnia, Aslan der grosse Löwe, führt daraufhin ein lehrreiches und heilsames Gespräch, an dessen Ende der Schwanz von Riepischiep wiederhergestellt und seine Bedeutung an den richtigen Platz gerückt wird. «Vielleicht denkst du etwas zu viel über deine Ehre nach, mein Freund», meint Aslan, bevor er den Mäuseschwanz wieder nachwachsen lässt und dabei die Liebe von Riepischieps treuen Gefährten lobt. Es ist eine meiner liebsten Episoden aus den Narnia-Büchern von C.S. Lewis. Und diese kleine Geschichte ist mir in den vergangenen Monaten immer wieder eine Orientierungshilfe und Ermutigung gewesen.

Ehre, ein vergängliches Gut

In den vergangenen vier Jahren haben wir als Familie meinen Vater auf seinem Weg durch verschiedene Stationen seiner Alzheimererkrankung begleitet. Dabei wurde mir bewusst, dass wir alle in Lebenssituationen geraten können, in denen uns die Kontrolle entgleitet, in denen wir uns nicht mehr auf Dinge oder Fähigkeiten abstützen können, auf die wir unseren Selbstwert und das Ansehen vor den Menschen aufgebaut haben: Schönheit, Intelligenz, berufliche Leistungen, besondere Talente. Was geschieht mit unserer Ehre, wenn wir diese Dinge verlieren? Wo bleibt unsere Würde? Einerseits wird es mehr und mehr zur Aufgabe der Menschen um uns herum, unsere Würde zu schützen. Andererseits gibt es eine Würde, die uns von Gott geschenkt wurde und die uns niemand nehmen kann: Die Würde, von Gott geschaffen und geliebt zu sein.

Und in dieser Zeit habe ich beides kennengelernt: Menschen, die sich wie Fremde verhielten und auf Distanz gingen zu meinem Vater. Aber auch Menschen, die einen Schritt auf ihn zugemacht haben, ihm geholfen haben, ohne ihn zu beschämen. Sie haben seine Würde geschützt. Ich danke Gott für sie.

Würde, trotz allem

Durch die Situation meines Vaters, wurde mir immer wieder die Frage vor Augen geführt: Was bleibt, wenn wir nichts mehr leisten können? Wer sind wir, wenn wir mehr und mehr auf Schutz und Hilfe angewiesen sind? Wie bewerte ich ein solches Leben? Sehe ich es durch Gottes Augen? Sehe ich die Würde eines Menschen, trotz allem? Ich will hier nicht zitieren, was ich in der Pandemiezeit über den Wert eines alten, gebrechlichen Lebens hören musste – manche Aussagen liessen mir den kalten Schauer über den Rücken laufen, ein eisiger Hauch aus der Geisteshaltung der Eugenik wehte mir entgegen.

Aber zurück zum Leben! Es ist ein Geschenk Gottes. Und wagen wir es nicht, irgendein Leben als wertlos zu bezeichnen. Diese Beurteilung steht dem Menschen nicht zu. Vielmehr sollten wir uns darum bemühen, das Leben, auch unser eigenes, durch Gottes Augen zu sehen. Wie sieht Gott die Sache mit der Ehre?

Ehre, wem Ehre gebührt

Um nochmals auf Aslans Bemerkung zurückzukommen: Es scheint, wir Geschöpfe können uns zu stark auf unsere vermeintliche Ehre fokussieren. Dabei ist sie ein vergängliches Gut – vergänglich wie ein Mäuseschwanz.

Rhythm of the mountains
Photo by Sergey Pesterev / Unsplash

In der Bibel ist die Ehre vor allem für Gott reserviert. Im Buch des Propheten Jesaja spricht Gott davon:

Gott, der Herr, hat den Himmel erschaffen und ausgespannt. Er hat die Erde und alles, was darauf wächst, gemacht. Er gibt allem, was auf der Welt ist, Leben und allem, was auf ihr geht, Atem.

»Ich bin der Herr, der mächtige und helfende Gott! Diese meine Ehre lasse ich mir von niemand nehmen, meinen Ruhm überlasse ich nicht den Götzen! (Jesaja 42:5 und 8)

Wenn es aber um die Ehre der Menschen geht, erweist sie sich als ein zweischneidiges Schwert. Die Sache mit der Ehre kann sogar zum Stolperstein werden, wenn sie uns dazu verleitet, unsere Leistungen und Talente als Grundlage für unseren Selbstwert, unseren sozialen Status und Lebenssinn zu verwenden.

Ja, es ist etwas Wunderbares, wenn man die kindliche Freude eines Siegers sieht, am Ende eines gelungenen Wettkampfs. Solche Momente können auch mich zu Tränen rühren. Wenn wir jemandem zusehen dürfen, der in irgendeinem Bereich aussergewöhnlich begabt ist und Glanzleistungen vollbringt, weckt das in uns Heimweh nach Gottes neuer Welt – der grösseren und realeren Geschichte, die erst noch erzählt werden wird, wie C.S. Lewis schreibt.

Wo wir den Wert und Sinn unseres Lebens aber auf unser Ansehen oder unsere Leistungsfähigkeit abstützen, bauen wir auf ein trügerisches Fundament, das uns in eine unbarmherzige Spirale hinabziehen kann, in der wir uns selbst verlieren und unsere von Gott geschenkte Würde fortwerfen. Die Jagd nach menschlicher Ehre kann süchtig machen… und einsam.

Geschenkte Würde, königliche Menschen

Im Neuen Testament wird mehrfach davon berichtet, dass Jesus die religiösen Leiter wegen ihrer verborgenen Sucht nach menschlicher Verehrung konfrontierte. Während sie religiöse Rituale vollzogen, wie das Fasten oder Beten, zielte ihr Reden und Tun letztendlich darauf ab, andere Menschen zu beeindrucken. Und sie waren so stark davon eingenommen, ihr eigenes Ansehen vor den Menschen zu festigen, dass sie von Eifersucht erfüllt wurden, als sie Jesus predigen hörten und zusahen, wie er Menschen heilte, ihre Schuld vergab und dadurch einen Neubeginn möglich machte. Das Streben nach der eigenen Ehre hatte die Fähigkeit zum Mitleid und zur Freude erstarren lassen.

Children’s smile
Photo by MI PHAM / Unsplash

Auch die Jünger, die Nachfolger von Jesus, verstrickten sich immer wieder in die Frage, wer von ihnen nun eigentlich der Grösste sei. Jesus rückte ihnen den Kopf zurecht und forderte sie auf, sich an den Kindern ein Beispiel zu nehmen:

Da rief Jesus ein Kind herbei, stellte es in ihre Mitte und sagte: »Ich versichere euch: Wenn ihr euch nicht ändert und den Kindern gleich werdet, dann könnt ihr in Gottes neue Welt überhaupt nicht hineinkommen. Wer es auf sich nimmt, vor den Menschen so klein und unbedeutend dazustehen wie dieses Kind, ist in der neuen Welt Gottes der Größte. (Matthäus 18:2-4)

Auch wenn es eine Weile gedauert hat, haben die ersten Christen schlussendlich verstanden, was damit gemeint war. Saulus von Tarsus, der spätere Apostel Paulus, war ein angesehener Pharisäer, geschult in der Redekunst und ein profunder Kenner der biblischen Schriften. Er war von derselben mörderischen Eifersucht beseelt, wie die Leute, die dafür gesorgt hatten, dass Jesus verhaftet und gekreuzigt wurde. Er verfolgte die ersten Christen mit blinder Wut und stellte sich damit gegen Gott. Dennoch wurde ihm durch die dramatische Begegnung mit dem auferstandenen Jesus klar, dass er sich irrte und dass Jesus der Sohn Gottes war, der erhoffte Messias. Wohl aus diesem Grund beschreibt Paulus wie kein anderer, dass der Friede mit Gott, den Jesus durch seinen Tod ermöglicht hat, das höchste Gut ist.

Früher hielt ich all diese Dinge für außerordentlich wichtig, aber jetzt betrachte ich sie als wertlos angesichts dessen, was Christus getan hat. (Philipper 3:7)

Durch Jesus mit der Liebe und Vergebung Gottes beschenkt zu werden, war für Paulus die höchste Würde, die ein Mensch erlangen kann. Und das Wichtigste dabei: Es ist eine geschenkte Würde. Es ist eine unverdiente Gnade.

Erinnert euch, liebe Brüder, dass nur wenige von euch in den Augen der Welt weise oder mächtig oder angesehen waren, als Gott euch berief. Gott hat das auserwählt, was in den Augen der Welt gering ist, um so diejenigen zu beschämen, die sich selbst für weise halten. Er hat das Schwache erwählt, um das Starke zu erniedrigen. (1. Korinther 1:27)

Auf frischer Tat ertappt und kurz vor der Steinigung durch ihre aufgebrachten, selbstgerechten Mitbürger, erlebte die Ehebrecherin, wie Jesus sie schützte. Er vergab ihr, schickte ihre Ankläger weg und forderte die Frau zu einem Neubeginn auf. Durch sein Eingreifen stellte Jesus ihre Würde wieder her.

So zeigte Jesus den Menschen einen neuen, ganz anderen Lebensweg. Einen Weg, bei dem die menschliche Ehre in den Hintergrund rückt, und das Geschenk der unverdienten Liebe und Vergebung Gottes in den Vordergrund tritt. Jesus brachte die Liebe Gottes in unsere Welt zurück. Und wir sind dazu berufen, sie weiterzuschenken: Die Liebe, die geduldig ist und freundlich. Die Liebe, die keinen Neid kennt, die sich nicht aufspielt und nicht eingebildet ist. Es ist eine Liebe, die sich nicht taktlos verhält, die nicht den eigenen Vorteil sucht, die nicht die Beherrschung verliert und die keinem etwas nachträgt. Es ist eine Liebe, die sich nicht etwa freut, wenn Unrecht geschieht, aber dort wo die Wahrheit siegt, freut sie sich mit.

Photo by Danie Franco / Unsplash

Durch diese Liebe werden wir zu königlichen Menschen. Es liegt nicht daran, ob wir klug oder weniger klug sind, ob wir mit menschlicher Weisheit, grosser Kraft oder besonderer Schönheit gesegnet sind oder nicht. Es fängt alles damit an, dass Gott uns durch seine Annahme und Vergebung eine Würde schenkt, die uns niemand nehmen kann.

Paulus schreibt über diese Liebe in seinen Briefen an die Gemeinde in Korinth:

Alles erträgt sie, in jeder Lage glaubt sie, immer hofft sie, allem hält sie stand. (1. Korinther 13:7)

Wir erleben Dinge, die uns traurig machen, und sind doch immer voll Freude. Wir sind arm und machen doch viele reich. Wir besitzen nichts, und doch gehört uns alles. (2. Korinther 6:10)

Verlorene Ehre, geschenkte Würde
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