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Identität (Teil 11 - Epilog)

Emanuel Hunziker Emanuel Hunziker

Der Rat der Gottlosen macht seinen Einfluss zunehmend geltend. Ohne konkrete Strategie sind wir heillos verloren. Doch es ist noch nicht zu spät!

Zum Einstieg nochmals die abschliessenden Worte aus Teil 10:

Um deine Identität anhand der Botschaft von Jesus zu formen, muss Gottes Wort und seine Stimme allgegenwärtig sein in deinem Leben. Und zwar stärker als Sozialmedien es sind. Stärker als was immer du an sonstigem Input in dein Leben hineinlässt. Sonst wirst du keine Jesus-Identität entwickeln. Es braucht viel Repetition, viel Vorstellungskraft und viel Aufmerksamkeit. (Tim Keller, Gospel Identity Conference 2017)

Will heissen: Ohne konkrete Strategie sind wir heillos verloren. Die sich ständig wiederholende Propaganda unserer postchristlichen, westlichen Kultur wird weiter an Einfluss zunehmen und unsere Vorstellungskraft so prägen, dass wir dem aktuellen, gottlosen Zeitgeist gefügig Genüge tun, statt unserem König und der Ausbreitung seines Friedensreichs zu dienen. Der "Rat der Gottlosen" hat seine Narrativen schon längst in unsere Köpfe exportiert und wartet ungeduldig darauf, dass wir endlich unseren Gott verleugnen, unserem Glauben absagen und uns in die Ränge der Spötter einreihen, welche die Bibel und ihr Zeugnis verachten.

Wohl dem, der seine Lust hat an der Weisung des HERRN und sinnt über seiner Weisung Tag und Nacht. Der ist wie ein Baum, an Wasserbächen gepflanzt: Er bringt seine Frucht zu seiner Zeit, und seine Blätter welken nicht. Alles, was er tut, gerät ihm wohl. (Psalm 1)

Wie sollen wir nun leben? Wie sollen wir unser Leben gestalten? Wie können wir unsere Lebens-Rhythmen so takten, dass wir die Stimme Gottes in jeder Situation wahrnehmen? Die Antwort: Wir brauchen eine Lebensregel.

Wir brauchen ein modernes Mönchstum, wenn wir den bevorstehenden Entwicklungen in Europa standhalten wollen. (Dominik Klenk)

Wir sind nicht die Ersten und auch nicht die Letzten, die der Prägungskraft einer gottlosen Kultur entgegentreten müssen. Viele Klöster sind so entstanden. Wir streben kein zurückgezogenes Klosterleben an, aber wir brauchen die erprobten Rhythmen der Nonnen und Mönche, um in unserer digitalisierten 24/7 Welt nicht vom Einfluss unserer Zeit weggefegt zu werden.

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Photo by Naomi Suzuki / Unsplash

Was ist eine Lebensregel?

Wohlgemerkt: Es heisst Lebensregel (Einzahl), nicht Lebensregeln (Mehrzahl). Wir sprechen hier nicht von einer Liste mit Regeln fürs Leben, sondern von einer Richtschnur, an der wir uns orientieren und ausrichten können.

Der Begriff "Regel" stammt vom lateinischen Wort "regula" ab, was soviel wie "Richtholz" oder "Massstab" bedeutet. Ein Stab, mit dem man Abstände definiert, von Rebstöcken auf einem Weinberg zum Beispiel, wenn diese gepflanzt werden. Ein starres Stück Holz, dass dazu dient, den idealen Abstand einzuhalten, damit die Weinstöcke nicht zu nah, aber auch nicht zu weit voneinander gepflanzt werden. Apropos Weinberg: Eine der zentralsten Metaphern für das Leben und die Beziehung mit ihm, gibt Jesus seinen Aposteln am Abend seiner Verhaftung:

Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weingärtner... Ich bin der Weinstock, und ihr seid die Reben. Wer mit mir verbunden bleibt, so wie ich mit ihm, der trägt viel Frucht. (Johannes 15)

Das Bild, das Jesus hier zeichnet, spricht Bände. Wir befinden uns in einem Weingarten. Jesus ist kein wilder Weinstock. Er ist der kostbarste Spross des Weingärtners, aus dem dieser die besten Trauben züchtet, für den edelsten Wein. Der Weingärtner hat ein klares Ziel: Er will Trauben ernten. Viele Trauben. Dafür pflegt er die Reben, die dem Weinstock entspringen. Er trimmt die Triebe, damit sie viel Frucht bringen.

Eine wilde Rebe hingegen würde unkontrolliert Triebe machen, die in alle Richtungen wachsen, sich nach unten neigen und am Boden umherwuchern. Sie bringt zwar auch Trauben hervor, aber diese werden schnell von Schädlingen gefressen oder von Unkraut und Dornengestrüpp überwuchert und erstickt.

Wie verhindert der Weingärtner einen solchen Wildwuchs? Schon damals, zur Zeit von Jesus, wie auch heute, funktioniert der Weinbau nach demselben Prinzip. Der Weingärtner baut eine Konstruktion aus Holz (heute Stahl und Draht), an der die Rebe emporwachsen kann. Diese Konstruktion produziert selbst kein Leben. Sie ist starr und leblos. Trotzdem hat sie eine essentielle Funktion: Sie ermöglicht Leben. Sie ermöglicht Frucht, die bleibt. Im Weinbau nennt man dieses Vorgehen Reberziehung.

Eine Lebensregel lässt sich in ihrer Funktion sehr gut mit einem Weinbergpfahl vergleichen. Eine Lebensregel bringt selbst kein Leben hervor. Nur Jesus selbst kann Leben geben. Der Lebens-Saft kommt von ihm allein. Die Lebensregel dient einzig und allein dazu, unserem Wachstum Halt und Stabilität zu verleihen, damit wir uns in die Richtung entwickeln, die der Weingärtner für uns vorgesehen hat und viel Frucht bringen.


Photo by Luca J / Unsplash

Was beinhaltet eine Lebensregel

Grad vorneweg: Jeder Mensch hat eine Lebensregel, an der er sich ausrichtet und nach der er lebt. Das Leben, das wir leben, ist das Resultat unserer Lebensregel. Es spielt keine Rolle, ob wir uns dem bewusst sind oder nicht. Wenn wir unser Leben ändern wollen, müssen wir über die Bücher und genau hinschauen, nach welchem Muster wir leben.

Wie gestalte ich meinen Tages-, Wochen- Monats- Jahresablauf? Anhand welcher Kriterien entscheide ich, ob etwas Platz und Priorität darin hat oder nicht? Was ist meine Richtschnur? Auf welches Ziel hinbewegt und entwickelt sich mein Leben? Habe ich es selbst bestimmt? Wurde es mir aufgezwungen? Bin ich mir dessen bewusst? Oder lebe ich einfach dahin, ohne zu wissen, was mich antreibt, warum ich was treibe und wohin es mich treibt?

Eine Lebensregel ist eine (Neu-)Definition von Freiheit. Die Rebe wird von allen Hindernissen befreit, die sie daran hindert, Frucht zu bringen. Diese Freiheitsdefinition unterscheidet sich total von der dominanten Definition unserer Zeit, die besagt, dass wir erst dann frei sind, wenn wir selber bestimmen können wie wir leben wollen. In den Augen des Weingärtners bedeutet dies Wildwuchs. Die Freiheit, die Jesus uns anbietet, ist untrennbar an ihn selbst gebunden. Wir sind von allem befreit, das uns davon abhält, in einer engen, liebevollen Vertrauens-Beziehung mit Jesus zu leben, mit dem Ziel, so zu werden wie er. Die Erziehung des Weingärtners ist ein Privileg und ein Vorrecht, keine Einschränkung oder Einengung.

Wie eine Rebe Erziehung braucht, so brauchen auch wir Erziehung, wenn wir unseren Reifeprozess ins Ebenbild von Jesus nicht dem Zufall überlassen wollen.

Mein Kind, achte die Erziehung Gottes des Herrn nicht gering und werde nicht müde, wenn er dich korrigiert! Denn Gott erzieht denjenigen, den er lieb hat, und er diszipliniert jeden, den er als seinen Sohn oder seine Tochter bei sich aufnimmt. (Hebräer 12,5-6)

Harvesting Nebbiolo grapes in Serralunga, Italy. Grapes will be used in the process to make Barolo, one of the most famous red wine.
Photo by Andrea Cairone / Unsplash

Wo soll ich anfangen?

John Mark Comer ist aktuell einer der prominentesten Befürworter und Förderer einer "Spiritual Formation" Kultur. Nachdem er die Bridgetown Church in Portland (USA) aufbaute, hat er vor einem Jahr eigens eine Non-Profit Organisation namens "Practicing the Way" ins Leben gerufen. Sein Ziel: Das Arbeiten mit einer Lebensregel, bestehend aus einer Palette an geistlichen Übungen, und diese in die Kirchenkultur hinein zu bringen. Er kombiniert u.a. die Erkenntnisse von Dallas Willard, Richard Foster und Pete Scazzero und kontextualisiert sie in unsere Zeit. Seine Strategie ist vergleichbar mit Nicky Gumbels Alpha Kurs.

"Jesus nachfolgen" bedeutet bei Comer drei Lebensziele zu verfolgen:

1. Bei Jesus sein

2. Wie Jesus werden

3. Tun was Jesus tat


Wie erreichen wir diese Ziele? Es ist ja bekanntlich so: Wir erleben erst dann inneren Frieden, wenn unsere Prioritäten mit unseren Werten und Zielen übereinstimmen. Damit Jesus nachfolgen nicht nur ein frommer Wunsch bleibt, hat Comer und sein Team neun Übungsfelder zusammengestellt, alles Jahrtausende alte Disziplinen zur Identitätsformung:

1. Sabbat

2. Gebet

3. Fasten

4. Einsamkeit

5. Bibel

6. Gemeinschaft

7. Genügsamkeit

8. Grosszügigkeit

9. Gastfreundschaft


Man könnte noch viele andere Übungsfelder nennen, aus denen wir eine Lebensregel zusammenstellen könnten. Aber diese neun Übungen gehören auf jeden Fall zu den ganz grundlegenden, wenn es darum geht, unseren Alltag auf die Entwicklung einer Jesus-Identität auszurichten. Das Erstellen einer Lebensregel besteht nun darin, sich ein Set an Übungen zusammenzustellen und diese - eine um die andere - in unseren Alltag zu integrieren, mit dem Ziel, dass sie uns helfen, im Sinne des Weingärtners zu reifen und zu gedeihen und viel Frucht zu bringen.

Das braucht Zeit und Übung. Und es geht nur gemeinsam.

Die Idee einer Lebensregel läuft darauf hinaus, unsere Vorstellungskraft, unsere Aufmerksamkeit und unser Umfeld mit der Wahrheit von Christus zu füllen, damit unsere Identität nach dem Ebenbild von Jesus geprägt und geformt wird. Dazu gibt noch so einiges zu sagen, aber dafür werde ich wohl eine neue Themen-Reihe starten müssen.

Identität (Teil 11 - Epilog)
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