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Der unerkannte König

Wir alle tragen Bilder von Menschen in uns herum, die nicht der Wirklichkeit entsprechen und unsere Sicht verschleiern. Das ist die Geschichte eines Königs, der gar nicht so aussah wie einer.

Ich mag Geschenke. Selbst wenn sie für meinen kleinen Sohn bestimmt sind, freue ich mich darüber und kann es kaum erwarten, sie auszupacken. Diese Neugier, was wohl im Papier steckt! Da kann ich wie ein kleines Kind werden, auch wenn ich das natürlich nicht so zeige. Ich überlasse es grosszügig meinem vierjährigen Sohn, der so gerne die Geschenke auspackt.

In der Geschenktüte stecken zwei Kinderbücher. Neugierig öffne ich das eine Kinderbuch von Max Lucado. "Genau so, wie du bist", lautet der Titel. Ich beginne zu lesen.

«Vor langer, langer Zeit gab es einmal ein Land, das fast so war wie das, in dem du heute lebst. Dort gab es eine kleine Stadt. In der lebten fünf Waisenkinder. Da sie alle einsam waren und vaterlos, hatten sie sich gegen die Kälte der Welt zu einer Familie zusammengeschlossen.

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Eines Tages hörte der König von ihrem Unglück und beschloss, die Kinder als seine eigenen anzunehmen. Er kündigte an, dass er ihr Vater sein wolle und sie schon bald in sein Schloss holen werde. Als die Kinder hörten, dass sie einen neuen Vater hatten und dass ihr Vater der König war und dass er höchstpersönlich kommen würde, waren sie völlig ausser sich vor Begeisterung.

Als die Bewohner des Städtchens hörten, dass die Kinder einen neuen Vater hatten und dass dieser der König war und dass der König in ihre Stadt kommen würde, da waren auch sie ganz aufgeregt. Sie gingen zu den Kindern hin und erklärten ihnen, was zu tun sei:

"Ihr müsst den König beeindrucken", sagten sie. "Nur diejenigen, die ihm grosse Geschenke machen, dürfen im Schloss leben." Die Leute kannten den König nicht. Sie dachten einfach nur, dass alle Könige beeindruckt werden wollen.»


Photo by Paweł Furman / Unsplash

So beginnt die Geschichte von fünf Kindern, die versuchen, sich einen Platz in ihrem neuen Zuhause, dem Schloss, zu sichern. Um den König zu beeindrucken, legen sie sich mächtig ins Zeug. Jedes Kind setzt seine Fähigkeiten ein. Ein Bruder schnitzt eine schöne Holzfigur, eine Schwester zeichnet ein wunderschönes Bild. Aber es gibt noch eine kleine Schwester, die keine Begabungen hat. Sie weiss nicht, was sie tun soll, um den König zu beeindrucken. Tag für Tag sitzt sie am Tor, begrüsst die Reisenden und spricht mit ihnen. Sie tränkt ihre Tiere am Brunnen und striegelt sie, um etwas Geld zu verdienen.

Ein Satz aus dieser Erzählung springt mir ins Auge.

Die Leute kannten den König nicht. Sie dachten einfach nur, dass alle Könige beeindruckt werden wollen.

Die Leute haben ein vorgefertigtes Bild vom König. Von Königen ganz allgemein. Sie denken, dass alle Könige beeindruckt werden wollten.

Ich fragte mich, wie oft ich wohl ein vorgefertigtes Bild habe von anderen Menschen. Insbesondere von Menschen, die mir wichtig sind. Und wie oft mich wohl dieses Bild dazu verleitet, irgendetwas zu tun, zu leisten, ohne zu wissen, ob diese Person das denn auch verlangt. So wie die Kinder in der Erzählung.

Made with Canon 5d Mark III and Meyer Optik Görlitz Primoplan 1.9 / 75mm
Photo by Markus Spiske / Unsplash

Über die Macht der Bilder und ihren Einfluss schreibt Magnus Malm in seinem Buch "Gottes Helden sehen weiter". Er beschreibt, wie wir alle falsche Bilder vom Gegenüber in uns tragen. Er leitet her, wie diese verzerrten Bilder entstehen und zeigt ihre verheerenden Auswirkungen auf: Vorgefertigte Bilder vom Ehepartner, die nicht der Wirklichkeit entsprechen, können zu Enttäuschung oder Scheidung führen. Vorgefertigte und undifferenzierte Feindbilder können sogar einen Krieg auslösen.

Die Bibel warnt uns davor, uns Bilder zu machen:

Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist.

Malm schreibt dazu:

Man darf dieses Bilderverbot nicht als kulturbedingtes Relikt aus fernen Zeiten abtun, in denen die Menschen Götzenbilder aus Stein und Holz verehrten. Eine solche rein historische Deutung vernebelt nur die Botschaft und hindert uns daran zu sehen, wie exakt sie unsere heutigen Probleme beschreibt.

Und etwas weiter unten schreibt er:

In dem Bilderverbot geht es um die Bilder, die uns nicht helfen, die Wirklichkeit besser zu sehen, sondern die die Wirklichkeit verschleiern und uns damit von ihr trennen.

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Photo by Edi Libedinsky / Unsplash

Genau so erging es den Kindern in der Geschichte von Max Lucado. Die Kinder hatten noch nie einen Vater. Sie wussten nicht, wie ein Vater ist. Die Leute zeichneten ihnen ein Bild von einem Vater, der beeindruckt werden möchte. Und damit trennten sie die Kinder von ihrem Vater.

Als der König endlich kam, erkannte ihn niemand. Denn er entsprach nicht ihrem vorgefertigten Bild. Max Lucado beschreibt ihn:

Er war wie ein Kaufmann gekleidet. Er hatte ein braungebranntes Gesicht eines weitgereisten Mannes. Seine Haut war wie Leder gegerbt von der Sonne und seine Augen hatten Tiefe.

Der König kam, um die Kinder zu sich zu holen. Aber weil sie ihn nicht erkannten und alle so beschäftigt waren damit, etwas für ihn zu leisten, wiesen sie ihn ab. "Wir haben jetzt keine Zeit für dich", sagten sie zum Kaufmann, zum König, zu ihrem zukünftigen Vater.

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Photo by Caleb Woods / Unsplash

Genau so erging es auch Jesus. Die Juden der damaligen Zeit hofften auf einen Messias und sie hatten ein vorgefertigtes Bild von ihm: Sie dachten, er würde kommen, um ihre politische Situation zu verbessern, sie von der Unterdrückung der Römer zu befreien.

Weil er das nicht tat, erkannten sie ihn nicht. Er passte so gar nicht in ihr Bild. Er kam nicht mit dem Prunk eines Königs, sondern in der Hilflosigkeit eines Babys. Er kam nicht, um sie von äusseren Unterdrückern zu befreien, sondern von inneren Unterdrückern, wie beispielsweise der Angst. Er zeigte sich nicht stark und trat nicht mit einem Schwert auf, sondern als einfacher, schwacher Mensch, der schlussendlich am Kreuz starb.

Und weil sie ihn so verkannten, hörten sie seinen Ruf nicht. Der Ruf eines Vaters an seine Kinder. Sie waren zu beschäftigt, sie versuchten Gottes Gebote zu halten, Gott zu beeindrucken und etwas zu leisten. Genauso wie die Kinder in Max Lucados Geschichte. Und genauso ertappe auch ich mich immer wieder dabei, wie ich versuche, Gott zu beeindrucken und etwas für ihn zu leisten.

Denn was habe ich für ein Bild von Gott? Sehe ich ihn als einen strengen, unerreichbaren König, der da oben im Himmel sitzt und von mir etwas fordert, das ich nicht erfüllen kann?

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Photo by JJ Jordan / Unsplash

So jedenfalls dachte die kleine Schwester in Max Lucados Geschichte. "Ich habe keine Fähigkeiten, mit denen ich den König beeindrucken kann", sagte sie. Sie versuchte alles, aber sie war wirklich nicht talentiert. Darum sass sie bekümmert beim Eingangstor der Stadt und begrüsste den Kaufmann. Sie sorgte sich um ihn, tränkte seinen Esel und sprach mit ihm. Und während sie ihn beobachtete und spürte, wie gut er zu ihr war, durchströmte sie plötzlich eine Erkenntnis: Das ist der König!

So geht Max Lucados Geschichte zu Ende:

«Die Augen der Kleinen wurden immer grösser, als ihr klar wurde, wer der Mann war. "Aber du siehst gar nicht wie ein König aus", stiess sie hervor. "Ich bemühe mich, nicht so auszusehen", erklärte er. "Ein König zu sein, kann ganz schön einsam sein. Sie bitten mich ständig, dass ich was für sie tue. Sie versuchen, mich zu beeindrucken. Sie tragen mir all ihre Beschwerden vor."
"Aber ist ein König nicht genau dazu da?", fragte das Mädchen. "Ja sicher", erwiderte der König, "aber da gibt es auch Zeiten, in denen ich einfach nur bei meinem Volk sein will. Es gibt Zeiten, da will ich mit meinem Volk sprechen - von ihrem Tag hören, ein bisschen lachen, ein bisschen weinen. Es gibt Zeiten, da will ich einfach nur ihr Vater sein."


Photo by Lonely Planet / Unsplash

"Ist das der Grund, warum du die Kinder als deine eigenen angenommen hast?", fragte das Mädchen.
"Ja, ganz genau. Erwachsene denken, dass sie mich beeindrucken müssen; Kinder nicht. Die wollen einfach nur mit mir reden. Sie wissen, dass ich sie liebe, genau so, wie sie sind."
"Aber meine Brüder und Schwestern waren zu beschäftigt?!"
"Das waren sie. Ich werde jedoch zurückkommen. Vielleicht haben sie an einem anderen Tag Zeit."
Das Mädchen sprach zögernd: "Mein Herr, was ist mit mir? Ich habe kein Geschenk, aber ich möchte gerne dein Kind sein."
Der König lächelte. "Mein Liebes, du hast mir das beste Geschenk von allen gemacht - du hast dein Herz gegeben... deine Freundlichkeit, deine Zeit, deine Liebe. Natürlich sollst du mein Kind sein. Ich liebe dich genau so, wie du bist."
Und so geschah es, dass die Kinder, die viele Talente hatten, aber keine Zeit, den Besuch des Königs verpassten. Das Mädchen aber, das nur ihr Herz als Geschenk anbieten konnte, wurde das Kind des Königs.»

Was ist dein Bild von Gott?
Versuchst du, ihn zu beeindrucken?
Oder kennst du ihn als deinen Vater, der dich genau so annimmt, wie du bist?
Möchtest du sein Kind werden?

Ursi Gasser

Ursi Gasser

Frau, Ehefrau, Familienfrau, Pflegefachfrau mit Weiterbildung auf Intensivpflege, freischaffende Journalistin

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