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Masken machen erwachsen

Lukas Lukas

"Du bist ein Kind geblieben." Ist das möglich oder nur eine Lindgren'sche Fantasievorstellung in der Figur von Pippi Langstrumpf? Und nimmst du das als Kompliment oder als Kritik?

Wenn wir die Kleinen sehen, wie sie sorglos lachen und spielen, trauern wir Erwachsene darüber, dass diese Zeit für uns schon lange vorbei ist. Gleichzeitig wollen wir als Erwachsene wahrgenommen werden: Niemand will naiv, schwächlich und bedürftig wirken - wie ein Kind eben ist. Doch ist die Kluft zwischen Kind und Erwachsenem wirklich so gross?
In diesem Text zeige ich, dass unser "Kind sein" nie aufgehört hat, im Gegenteil: Wenn ein Erwachsener wissen will, wer er wirklich ist, muss er zu dem zurückfinden, was er so lange (erfolgreich) versteckt gehalten hat – das Kind in ihm.

Der Maskenspieler

Die Verwandlung zum Erwachsenen macht aus dem fröhlichen Sonnenschein einen Griessgram, dessen Gesichtsfalten sich nur dann bewegen, wenn er fröhlich wirken will. Stellen wir uns zur Veranschaulichung hierfür eine Alltagssituation am Morgen im Zug vor:
Ich bin müde und der bevorstehende Arbeitstag macht mir Bauchweh, heisst: Mir geht es nicht gut. Da kommt Cindy, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Ich denke: "Schau mich nicht an, schau mich nicht an." Natürlich schaut Cindy mich an. Dann folgt das grosse Maskenspiel: "Heeeey Cindy, wie gohts?" "Jo danke, und dir?" "Au guet, merci, schön dich wiederzgseh!"
Sein und Schein - es gibt kaum einen Gegensatz, der den Unterschied zwischen einem Kind und einem Erwachsenen besser markiert.

Venice Carnivale
Photo by Serkan Turk / Unsplash

Kinder können sich nicht hinter Masken verstecken. Sie können weder Interesse vortäuschen noch das Interesse anderer abwehren. Dafür haben sie das nötige "Handwerk" (noch) nicht gelernt. Deswegen lachen und ärgern wir uns über sie, weil sie reagieren, wie sie sich gerade fühlen, weil sie Dinge versuchen und scheitern und drauflos plappern, ohne sich zu fragen, was es bewirkt. Uns würde das nie in den Sinn kommen. Wie würde Cindy denn von mir denken, wenn ich ihr mit einem "Lätsch" in die Augen schaue, wenn ich kein Interesse zeige? Dann würde sie ja merken, wie es mir wirklich geht. Dafür würde ich mich zu sehr schämen. Wir Erwachsenen sind Maskenspieler, denn wir schämen uns dafür, wie wir sind.

Schamlos nackt

Kinder schämen sich weniger bis gar nicht. Sie mögen vielleicht schüchtern sein, doch gerade kleine Kinder beweisen immer wieder ihre Schamlosigkeit: Das vermutlich deutlichste Beispiel findet sich in der Tatsache, dass Kleinkinder kein Problem damit haben, in den unmöglichsten Situationen nackt umherzustolzieren. Während die Eltern dann bemüht sind, ihr Kind zuzudecken, realisieren die Kleinen gar nicht, dass dies ein Problem sein könnte. Sie sind einfach so, wie sie sind.


Photo by Ben White / Unsplash

Gemäss der Bibel gab es einmal eine Zeit, in der sich auch erwachsene Menschen nicht schämten, nackt zu sein.

Die beiden waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander.

  1. Mose 2, Vers 25

Die Rede in diesem Vers ist von Adam und Eva, so wie sie Gott geschaffen und in seinen Garten Eden gestellt hatte. Die Menschen schämten sich nicht, ohne eine Hülle dazustehen. Und das war offensichtlich kein Unfall, denn Gott bewertete auch diese Schöpfung mit "sehr gut" (1. Mose 1,31). Doch als Gott eines Abends, wie es seine Routine war, in den Garten Eden kam, um Adam und Eva zu treffen, fand er sie nicht. Also rief er nach ihnen. Adam antwortete:

"Ich hörte dich kommen und bekam Angst, weil ich nackt bin. Da habe ich mich versteckt!"
"Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist?", fragte Gott. "Hast du von den verbotenen Früchten gegessen?"

  1. Mose 3, Vers 10-11

So wie Gott die Rückfrage stellte, hätte der Mensch eigentlich keinen blassen Schimmer davon haben sollen, dass er nackt ist – wie ein Kleinkind eben. Doch nun hatte er sogar Angst davor. Warum war die Nacktheit plötzlich eine Bedrohung für den Menschen?

Das Eigentor

Am Anfang fühlte sich der Mensch bedingungslos geliebt. Bei seinem Schöpfer durfte er so sein, wie er wirklich ist: Nackt, schutzlos und bedürftig. Das war kein Problem, kein Grund zur Angst: Denn sein Schöpfer sagte ihm: "Ich lieb dich so, wie du bist." Auch ein Kleinkind lebt so: Es glaubt vollkommen an die Liebe seines Vaters und seiner Mutter.

Dad & SI
Photo by Edward Cisneros / Unsplash

Der biblische Bericht sagt uns, dass der Mensch bekanntlich Gott misstraute und lieber getrennt von ihm auf eigene Faust in der Welt leben wollte. Was wie Freiheit aussah, entpuppte sich aber bald als Eigentor. Gottes Bestätigung "Ich lieb dich so, wie du bist" hörte der Mensch immer weniger und schliesslich glaubte er es gar nicht mehr. Und in einer Welt voller Menschen, die alle dieselbe Erfahrung machen, wird er in darin bestätigt. Wo das Urteil unseres Schöpfers nicht mehr zählt, führt Nacktheit und Bedürftigkeit zu Ablehnung.

Das falsche Ich

Auch ein Kind verliert das anfängliche Urvertrauen mit der Zeit, weil die Eltern ebenfalls nur Menschen sind. Und das Urteil der Geschwister, "Schuelgspändli", Lehrpersonen, Verwandten und öffentliche Personen aus den Medien ist selten von bedingungsloser Liebe geprägt. Wie reagiert nun ein Mensch, der nicht mehr glaubt, dass er bedingungslos geliebt ist? Er versteckt sich - wie Adam und Eva im Garten. Der Schriftsteller Brennan Manning beschreibt es aus seiner eigenen Kindheit:

Als ich acht war, wurde der Schwindler, mein falsches Ich, als Abwehr gegen den Schmerz geboren. Der Schwindler in mir flüsterte: "Brennan, du kannst nie mehr so sein, wie du wirklich bist, weil dich so niemand mag. Erfinde ein neues Ich, das alle bewundern und das niemand richtig kennt." So wurde ich ein braver Junge - höflich, wohlerzogen, unaufdringlich, und rücksichtsvoll. (...) Ich lernte, dass eine möglichst vollkommene Verstellung mir die Anerkennung und Bestätigung brachte, nach der ich mich so verzweifelt sehnte.
Brennan Manning, Kind in seinen Armen, S.18-19.


Photo by Dmitry Ratushny / Unsplash

Das Kind lernt sich zu verstellen, um zu überleben. In einer Welt, die nichts für Nackte ist, wird jeder Mensch zum Maskenspieler. Sogar FKK-Leute, die ihren nackten Körper gebrauchen, um von ihrer seelischen Nacktheit abzulenken. Anpassung oder Rebellion - die Masken sind sehr vielfältig. Doch alle haben dasselbe Ziel: Das Kind in mir drin, mein wahres Ich, vor Ablehnung zu schützen.

Papa macht den Unterschied

Kinder sind wir dann, wenn wir den Schein ablegen und ohne Scham sein können, wie wir sind. Kinder können das, weil sie völlig an die Liebe ihres Papas glauben. Um als Erwachsene ein Kind zu bleiben, müssen wir immer wieder mit einer Wahrheit konfrontiert werden, die wir so hart von uns stossen:

Wir sind bedingungslos geliebt von unserem Schöpfer, der unser wahre Papa ist.

Ich habe diese Liebe entdeckt, nachdem ich mein wahres Ich für sehr lange Zeit unter Masken hielt. Bei ihm zu sein bedeutet, mich selber sein können. Bei ihm gibt es keine Scham, denn er liebt mich vollkommen. Oder wie Brennan Manning sein Erlebnis mit Gott in sein Notizbuch notiert:

Sich sicher fühlen heisst (...) in der Gegenwart bleiben und nicht in die Vergangenheit fliehen oder die Zukunft herbeisehnen, jetzt wach und aufmerksam sein ... entspannt sein und nicht nervös und rastlos ... Es ist nicht mehr nötig, andere zu beeindrucken oder zu blenden oder die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken... Unbefangen in die Welt zu treten, mit einer ganz neuen Art, mit mir selbst umzugehen ... ruhig, frei von Angst, keine Bedenken, was als Nächstes passieren könnte ... geliebt und geachtet ... sich einfach bei sich selbst wohlfühlen.
Brennan Manning, Kind in seinen Armen, S.20.

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Photo by lauren lulu taylor / Unsplash

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