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Rezept für echtes Weihnachten

Weihnachten sollte das Fest der Lichter sein. Doch die Dunkelheit der Bosheit in dieser Welt scheint gross. Der Weg von Zivilisation zu Barbarei ist kurz. Gibt es ein echtes Licht gegen die Finsternis? Gibt es echtes Weihnachten?

Eigentlich weiss niemand, wie man das Böse in dieser Welt beseitigen kann.

Der Satz aus der Sonntagspredigt von Joanna Hunziker liess mich nicht mehr los.
"Wirklich?", dachte ich, "ist das wirklich wahr? Gibt es niemanden in dieser so fortschrittlichen Welt, der weiss, wie man das Böse beseitigen kann?"
Moralapostel gibt es doch zuhauf. Kürzlich wurden in Zürich die 22. Slam-Poetry-Meisterschaften ausgetragen. Bei den Wettkämpfen seien virtuose Dichter zu erleben und auch einige Moralapostel zu hören, schreibt Katrin Schregenberger, Journalistin der Neuen Züricher Zeitung, in ihrem Bericht über die Meisterschaften:

Viel Moral wird versprüht, manch apodiktisches "du sollst" und "du sollst nicht" wird gesprochen. (...) Hier sagen alle das, was sie schon immer sagen wollten.

Ob diese Dichter und Moralapostel wohl handfeste Antworten auf die grossen Fragen der heutigen Zeit liefern konnten?
Ob sie wohl wissen, wie man das Böse in dieser Welt beseitigen kann?
Weisst du, wie du das Böse in dieser Welt beseitigen kannst?
brown wooden hallway
Photo by Joris V. / Unsplash
Ich muss ehrlich zugeben: Ich weiss es nicht. Ich habe keine Ahnung, wie man das Böse in dieser Welt beseitigt. Dass ich in dieser Frage inkompetent bin, zeigt sich schon in der Erziehung meiner Söhne. Wie kann ich meinem Sohn klar machen, dass er andere Jungs nicht schlagen darf? Die jüngeren Kinder nicht rücksichtslos umschubst, wenn sich eine Situation im Spielzimmer nicht gemäss seinen Vorstellungen entwickelt? Was, wenn meine schönen Worte mit "bitte" im Satz ungehört im Raum verhallen und die Kinderhand zum nächsten Schlag ausholt? Was, wenn ich diese Kinderhand festzuhalten versuche und sich dadurch unter mir ein tobendes Bündel windet, dessen Aggression sich nun gegen mich richtet?
Konsterniert stelle ich fest: Ich weiss ja nicht einmal, wie ich das Böse in meiner eigenen Familie beseitigen kann.

Wir leben in Dunkelheit, weil eigentlich niemand weiss, wie man das Böse in dieser Welt beenden kann. Wir erwarten mehr vom Staat, mehr von der Wirtschaft, von Technologien. Wir denken, wir könnten die Dunkelheit mit Intellekt überwinden.

Das sind weitere Sätze aus der Predigt. Vom Staat erwarte auch ich viel, habe ich festgestellt. Sollte ich es vielleicht besser der Schule überlassen, meinem Sohn richtiges Benehmen beizubringen? Ich trage die trügerische Erwartung in mir, dass der Staat eigentlich dazu fähig sein sollte, das Böse aus unserer Gesellschaft zu vertreiben und Gerechtigkeit herzustellen.

Doch was, wenn der Staat genau das Gegenteil bewirkt? Nämlich das Böse heraufbeschwört? In der Nacht auf den 10. November jährte sich die Reichskristallnacht zum 80. Mal. Walter Strauss hat sie erlebt und sagt heute:

Ich glaube nicht, dass die Menschen aus der Geschichte lernen. Ich bin Realist. Der Weg von der Zivilisation zur Barbarei ist kurz.

Walter Strauss weiss, wovon er spricht. Als 16jähriger Jude war er alleine in Berlin. Die Flucht nach Lichtenstein und später in die Schweiz gelang ihm dank Beziehungen. Mehrmals sollte er nach Deutschland ausgeschafft werden. Dass er heute noch lebt, verdankt er dem damaligen Bundesrat Johannes Baumann, der ein Auge zudrückte.
Viele Geschichten endeten nicht so wie seine. Gemäss Wikipedia sind etwa 6 Millionen Juden im Holocaust ermordet worden. Menschen, die andere Menschen umgebracht haben. Und wie sieht es heute aus?
photography of railway and station
Photo by Erica Magugliani / Unsplash
Bald feiern wir Weihnachten. Das Fest der Liebe, das Fest der Lichter. Wenn ich die Zeitung öffne, lese ich von Menschen, die andere Menschen umbringen. Misshandeln. Foltern. Von Kindern, die auf der Flucht sind. Von Krieg. Das ist nicht Weihnachten. Da ist keine Liebe und kein Licht. Ich lese von der grossen Dunkelheit, die uns umgibt. Es beschleicht mich der Verdacht, dass tatsächlich niemand weiss, wie man das Böse in der Welt beseitigen kann.

Walter Strauss ist Realist. Ich denke, das hat auch mit seinem Alter zu tun. Als 80jähriger hat er zu viel gesehen, als dass er noch idealistisch sein könnte. Denselben Prozess nehme ich auch in mir drin wahr. Als ich jünger war, war ich idealistischer als heute.

Mit 20 dachte ich, ich könnte die Welt verändern.
Mit 30 dachte ich, ich könnte mein Land verändern.
Mit 40 dachte ich, ich könnte mein Dorf verändern.
Mit 50 dachte ich, ich könnte meine Nachbarschaft verändern.
Mit 60 dachte ich, ich könnte meine Familie verändern.
Mit 70 denke ich, ich sollte vielleicht bei mir selbst anfangen.

Ich bin noch nicht 70 Jahre alt, aber ich spüre schon heute, dass die Veränderung in mir drin anfangen muss. Ich spüre die Dunkelheit in mir.
"Weisst du, wie du das Böse in dieser Welt beseitigen kannst?", habe ich dich zu Beginn des Artikels gefragt. Doch meine Frage hat sich verändert. "Weisst du, wie ich das Böse in mir drin beseitigen kann?", frage ich dich nun. Spüre nur ich die Dunkelheit in mir, oder spürst auch du die Dunkelheit in dir?
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Photo by Saneej Kallingal / Unsplash
Joanna Hunziker sagte in ihrer Predigt:

Wenn wir uns in Dunkelheit befinden, bedeutet es, dass wir Licht brauchen. Und wenn wir Licht brauchen, bedeutet es, dass wir nicht richtig sehen. Dass wir selbst keinen Weg aus der Dunkelheit heraus finden.

Das Licht kommt also nicht aus mir selbst. Das habe ich im Alltag schon so oft erfahren. Ich bin genervt, ich bin wütend, ich tue meinen Kindern Unrecht. Die Dunkelheit in meinem Herzen kommt an die Oberfläche. Daran kann auch Weihnachten, das Fest der Lichter, nichts ändern. Im Gegenteil! Manchmal offenbart sich ja genau an Weihnachten diese Dunkelheit, wenn Familien sich streiten oder Menschen sich umbringen, weil sie die Einsamkeit nicht aushalten. Ich kenne diese Dunkelheit. Und ich weiss, dass ich aus eigener Anstrengung keinen Weg heraus finde.

Jesus hat den Weg geschaffen. Er kam, um die Dunkelheit zu beseitigen. Er kam, um Licht zu bringen. Er sagte von sich selbst:

Ich bin das Licht der Welt.

Ein hoher Anspruch! Schon recht gewagt, so etwas von sich selbst zu behaupten! Kann man das einfach so sagen?
lighthouse turned on near green grass field
Photo by Xu Haiwei / Unsplash
Lukas, ein anderer Autor dieses Blogs, sagte kürzlich:

Entweder, Jesus ist der grösste Scharlatan und Lügner, den es je gegeben hat, oder er sagt die Wahrheit.

Denn was Jesus behauptet, ist so radikal, dass man es nicht einfach als netten Satz abtun kann. Entweder, man tut ihn als Lügner und Scharlatan ab, oder man nimmt ernst, was er sagt.

Jesus kam als Sohn Gottes in diese Welt. Doch nicht mit Pauken und Trompeten, mit Engelschören und viel Prunk. Er kam als kleines, hilfloses Baby. Er wurde ein Mensch so wie du und ich. Doch er lebte ohne Sünde. Also ein perfektes Leben. Und was machte er aus seinem so perfekten Leben?
Er starb am Kreuz. Er liess sich kreuzigen wie ein Märtyrer. Weil er sich nicht wehren konnte? Nein. Als Sohn Gottes hätte er jede Möglichkeit gehabt, sich aus dieser schrecklichen Situation zu befreien.
Er ging ans Kreuz, weil er es wollte. Weil er durch seinen Tod am Kreuz einen Ausweg aus der Dunkelheit schaffen konnte.
Er durchlebte die dunkelste Stunde, die wir uns ausmalen können. Er erlebte Leid, Schmerz, Spott und Trennung von Gott. Er begab sich in diese schreckliche Finsternis, um uns das Licht zu schenken.
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Photo by David Monje / Unsplash
Jesus ist das Licht der Welt. Er ist mein Licht. Er durchflutet mein Leben in den Stunden der Dunkelheit.
Er durchflutet mein Leben mit dem Licht seiner bedingungslosen Liebe: Er hat sein eigenes Leben für mich hingegeben.
Er durchflutet mein Leben mit dem Licht seiner Vergebung: Weil er meine Schuld getragen hat, ist mir vergeben worden.
Er durchflutet mein Leben mit dem Licht der Wiederherstellung: Weil mir vergeben wurde, kann ich anderen vergeben und Beziehungen erhalten eine neue Chance.

Wo die Dunkelheit des Streits herrschte, scheint nun das Licht der Vergebung.
Wo die Dunkelheit der Selbstverdammnis herrschte, scheint nun das Licht der Annahme.
Wo die Dunkelheit des Hasses herrschte, scheint nun das Licht der Liebe.
Das ist echtes Weihnachten.


Photo by MI PHAM / Unsplash

Ursi Gasser

Ursi Gasser

Frau, Ehefrau, Familienfrau, Pflegefachfrau mit Weiterbildung auf Intensivpflege, freischaffende Journalistin

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